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Horror, Terror, Gewaltgroteske: Adam Wingard übertreibt es gewaltig mit seinem Belagerungs-Szenario zwischen „Das Fest“ und „Assault“.

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Adam Wingard, USA 2011
Kinostart: 07.11.2013, DVD/BD-Start: 13.03.2014
Story: Kaum haben die wohlhabenden Davisons ihr weitläufiges Landhaus bezogen, um mit ihren vier Söhnen und deren Anhang ihren 35. Hochzeitstag im familiären Kreis zu feiern, schießen maskierte Unbekannte, die bereits die Nachbarn ermordeten, mit Pfeilen und belagern ihre Opfer die Nacht hindurch.
Von Gnaghi

Als wolle er einen mustergültigen Nägelbeißer vom Stapel lassen und einen Show Case seines kompetenten Könnens abliefern, zeigt der derzeit angesagte Adam Wingard („A Horrible Way to Die“), wie fulminant er die Stilmittel beherrscht, vom Start weg eine fast permanente Bedrohung aufzubauen und vornehmlich durch volle Lautstärke zu erschrecken.

Zudem nutzt er tiefe Synthie-Töne und „Excision“-Komponist Mads Heldtberg liefert später den besten Carpenter-Soundtrack ab, den der Meister nicht selbst geschrieben hat. In einer Variante von „Assault on Precinct 13“ ohne Storyballast, aber jede Menge echter und vor allem falscher Alarmschocks. Ein Belagerungs-Szenario, das mit aller Macht bannen will, einen ohne Rücksicht auf Verluste und die Wahl der Mittel fesselt und dafür einen hohen Preis zahlt.

Belagerungs-Szenario, das mit aller Macht bannen will

Den der Glaubwürdigkeit nämlich, weil die meisten der vorab durchaus intelligent parlierenden und sich natürlich verhaltenden Figuren als Horrorfutter dienen, das mit dämlichen Handlungen die Geduld strapaziert. Und weil Wingard stets in die Vollen geht: erst suggeriert er ein namenloses Grauen in der Dunkelheit, anschließend stürzt er sich mit Wackelkamera in Panik-Kreisch-Heul-Terror der 70er.

Haben die Tiermasken der Angreifer zunächst etwas Metaphorisches, fechten sie doch den Familienclinch mit Waffen statt Worten aus„Das Fest“ brutal. Bis zur Wendung sind sie Cronenbergsche Chiffre (Verkörperung der Wut), im Anschluss daran als gedungene Mörder nur noch Teil einer recht komischen Gewaltgroteske, die mit ein paar Drehungen vom Schockthriller zur galligen Splatter-Farce der Haushaltsgeräte ausufert.

Vom Schockthriller zur galligen Splatter-Farce

Denn Wingard kennt seine Vorbilder, aber er zitiert und will immer mehr: Ist zunächst Kollege Ti West („House of the Devil“) als erstes Opfer ein In-Joke, durchlaufen die erst frappierend kaltschnäuzigen Gewalt-Eruptionen ein Crescendo, überschreiten jede Drastikgrenze und verkommen zur schwarzen Gore-Komödie.

Dass damit nichts verloren geht, ist einerseits Wingards Suspense-Kompetenz, aber vor allem einer fabelhaften Sharni Vinson zu verdanken, im dritten „Step Up“ nicht sonderlich auffällig geworden. Als lakonische Survival-Amazone bewahrt sie als einzige einen kühlen Kopf, stellt den Killern lustige Fallen wie in „Home Alone“ und durchkreuzt damit Intrigen und Macbethsche Mordpläne. Ein grandioses Final Girl.

Nur auf vordergründigen Reiz fokussierter Parforce-Ritt

Wingard beherrscht alles, aber er kennt kein Maß. Wodurch er einen zwar effektiven, doch nur auf vordergründigen Reiz fokussierten Parforce-Ritt durch die Konventionen des Genres hinlegt, bei dem man sehr viel Spaß haben kann, der aber Subtilität und Subtext eliminiert. Schöne Stilismen wie der smart-enervierende Einsatz von Dwight Twilleys Pop-Song Looking For the Magic sind nur Mittel zum Zweck in einem Bewerbungsvideo für höhere Weihen.