Evil Dead

Der Teufel tanzt weiter: Fede Alvarez‘ ultrabrutalem Sam-Raimi-Remake mangelt es nicht an Perfektionismus, aber an Charme.

Evil Dead Cover

Fede Alvarez, USA 2013
Kinostart: 16.05.2013, DVD/BD-Start: 02.10.2013
Story: Die drogenabhängige Mia, ihr Bruder David und drei College-Freunde verbringen ein Wochenende in der elterlichen Waldhütte fernab der Zivilisation, um Mia beim Entzug zu unterstützen. Statt dessen ergreifen versehentlich herbeigerufene Dämonen Besitz von ihnen und können nur mittels eines Beschwörungsbuchs vernichtet werden.
Von Thorsten Krüger

Allen Horror-Updates der letzten Dekade ist weitgehend eins gemein: Sie professionalisierten und perfektionierten die Low-Budget-Vorbilder, wodurch deren Charme des Unfertigen, ihre von technischen und finanziellen Unzulänglichkeiten forcierte Kreativität und die unverwechselbare Atmosphäre in eine geglättete Design-Leistungsschau der Thrill- und Terror-Elemente für ein Mainstreampublikum transformiert wurden. Subversion verwandelte sich in Konsumierbarkeit, anarchischer Independent-Spirit wurde von routinierter Studio-Kalkulation geschluckt.

Eklatanter als beim Remake von Sam Raimis Debüt aus dem Jahre 1981 trat das selten in Erscheinung. Aus einer zentralen Ikone des modernen Horrorfilms, die in den USA noch mehr Kultruf als hierzulande genießt, auch wegen des Underdog-16mm-Mono-Materials, wird ein Hightech-Surround-Spektakel.

Härtetest im (blut)roten Bereich

Denn das vom Original-Trio Raimi/Campbell/Tapert produzierte Reboot ist ein makelloser Schocker, dem jedes Charisma abgeht und der seinen Mangel an Erfindergeist durch einen Härtetest im (blut)roten Bereich wettmacht. Die technisch blitzsaubere 17-Millionen-Produktion ist wohl 50-mal so teuer wie Raimis über drei Jahre entstandenes Wochenendwerk und hat das Geld in explizit brutale, weitgehend in tadelloser Handarbeit entstandene Effektarbeit von Prosthetic-Spezialist Roger Murray („30 Days of Night“) investiert.

Und die Eliminierung aller comichaft überzeichneten Geisterbahn-Anklänge. Es ist keineswegs „the most terrifying film you will ever experience“ (Eigenwerbung), sondern einer, der alle bislang aufgestellten Härterekorde brechen will – und das für ein Multiplex-Publikum auf der Suche nach der ultimativen Mutprobe. Eher Thriller denn Horror, grimmig und vollkommen humorlos. Immerhin.

Wenig spannendes Geschwister-Drama

Vom neuen Schluss abgesehen, gleichen sich die Storys, wenn es auch keine Teenies auf Spaß-Ausflug, sondern fünf recht melancholische Twens (ohne Ash) sind, die in der entlegenen, deluxe-verschimmelten Waldhütte den cold turkey der drogenabhängigen Mia überwachen wollen, was sie alle sichtbar belastet: Damit rückt eine Frau in den Mittelpunkt, auch wenn es ihr verzagter Bruder David ist, der eigentlich nicht zum Akteur taugt, aber schließlich doch als unfreiwilliger Kämpfer seine besessene Schwester vor den Dämonen rettet, die sie als „Hidden“-artiger, glitschiger Egel befallen haben. Daraus erwächst ein wenig spannendes Geschwister-Drama, das Schuld, Verantwortung und Opfer bemüht, emotional aber viel zu ungelenk agiert.

Von den Mimen ist Lou Taylor Pucci („Thumpsucker“) als schluffiger Hippie noch der Bekannteste. Ihm ist es vergönnt, hirnverbrannt laut die Beschwörungsformeln aus dem – in Stacheldraht eingewickelten und Menschenhaut gebundenen – Buch der Toten zu deklamieren. Derweil zieht eine Schlechtwetterfront auf, die im schön alptraumhaften finalen Blutregen gipfelt (ja, in Amerika ist das Klima ein wenig rauer als bei uns). Bevor das Quintett Drogensucht und familiäre Altlasten, also seelischen Dämonen, austreiben kann, befallen sie nun ganz Körperliche, deren Herkunft deutlicher als bisher an die uralte Lovecraft-Rasse aus dem Necronomicon angelehnt ist.

Alvarez erweist sich als versierter Techniker

Das bildet zwar durchaus eine gewisse Folie für psychologische Entwicklungen, lässt diese Deutungsmöglichkeiten – Dämonen als Entzugserscheinungen – aber rasch fallen. Der Uruguayer Erstlings-Regisseur Fede Alvarez, der mit dem Youtube-Kurzfilm „Panic Attack“ Raimi vor drei Jahren auf sich aufmerksam machte, erweist sich vor allem als versierter Techniker. Seine eher schmale Bandbreite umfasst eine sadistische Selbst- und Fremdverstümmelungs-Orgie, reicht aber nicht bis zur Entwicklung glaubhafter Gefühlswelten oder einer persönlichen Handschrift.

Muss ja auch nicht sein. Fällt aber auf, weil formale Geniestreiche wie die legendäre subjektive Dämonen-Kamera bestenfalls lahm zitiert werden, halsbrecherische Objektiv-Winkel und verschmitzte Verweise auf die Marx-Brothers gleich komplett fehlen. Alvarez Innovationskraft beschränkt sich auf die Gewaltdarstellung und ordnet dem alles unter. Überdimensioniert eindimensional sozusagen.

Naturalismus direkt aus der Gerichts-Pathologie

Jedenfalls: es ist sehenswert. Sorgfältiges Set-Design, schmucker Moder-Dekor-Look und der klare Stil sind weitaus besser als die matschige Videoclip-Panade vergleichbarer Reload-Kollegen. Orientierungspunkte bildet eine Designer-Morbidität, die aus „Texas Chainsaw Massacre“-Fäulnis (allein der Keller voller stinkender Tierkadaver, ausgestaltet als satanischer Altar) und „Saw“-Dreckigkeit zu einer Torture-Porn-Ästhetik verschmilzt, gekrönt von ein Naturalismus direkt aus der Gerichts-Pathologie:

Ein ganzes Inventar an Haushaltsgeräten und Werkzeugen kommt zum Einsatz bei den Do-it-Yourself-Amputationen. In selten gesehener Detailfreude und atemberaubender Echtheit (der CGI-Einsatz bleibt minimal) werden Zungen mit dem Teppichmesser zerteilt, Arme minutenlang abgesägt, eingeklemmte Hände abgerissen, Körper mit der Nailgun zu Nagelbetten perforiert und Extremsport mit der Kettensäge – der ultimative Splatter-Fetisch darf nicht fehlen – betrieben, in Form von Köpfe zerraspeln. Allemal ein Grenz-Erlebnis für brechsichere Mägen.

Survival- und Terror-Dramaturgie

Das sind hartgesottene Höhepunkte, die Krönung einer weniger auf Dämonenspuk als Survival- und Terror-Dramaturgie ausgelegten Thrill-Maschinerie, die mit frequentiertem Einsatz von grell-übersteuerten Sounds und bis zum Anschlag aufgedrehten Geschrei auf Alarmsirenen-Tonhöhe notorisch an den Nerven sägt. Fulminanz der Mittel ist ein Schlüsselbegriff. Und er ist nicht als Lob der hinlänglich konventionellen Inszenierung gemeint. Ermüdend reiht sich da, auf höchste Effizienz getrimmt, Thrill an Thrill und die im Akkord-Schnitt präsentierten kranke Bluttaten sind fast schon zu makellos (derweil es jeder Abmilderung ins Groteske mangelt), aber wenigstens angenehm puristisch.

Das knüpft neben Folter- an aktuelle Survival/Backwood-Horror vom Schlage „Wrong Turn“ oder „Wolf Creek“ an. Gewalt, Verzweiflung, Wahnsinn und Schmerz sind die vier vorherrschenden Grundelemente. Nur damit, dass es verzichtbare Rache-Oneliner setzt, sowie die ruckartigen Geister-Moves unverblümt dem J-Horror entnommen sind, muss man leben. Davon abgesehen achtet Alvarez aber auf einen konsequenten Retro-Flair: Kein Handygebimmel, keine sonderlichen Marotten oder andere zeitgeistige Postmodernismen wie andere Waldhüttenausflüge.

Misogyne Hexenverfolgungsmoral

Kurioser wirkt da schon, dass neben Tobe Hooper ausgerechnet William Friedkin am Horizont aufkreuzt, denn Exorzisten haben Konjunktur: Wenn die Dämonen „Exorcist“-Sprüche wie „your little sister is being raped in hell“ absondern und gleich im Vorspann ein Vater seine Tochter mit Feuer und Schrotflinte exorziert, fühlt man sich zeitweilig im falschen Franchise. Präziser als damals enthält das Totenbuch eine Anleitung, wie man die Teufel ruft und sie wieder vernichtet – worauf das Finale letztlich hinausläuft, in dem Mia per Autobatterie in MacGyver-Manier reanimiert wird. Gleichwohl erinnert diese Reinigung der Besessenen (fast ausschließlich Frauen) unangenehm an eine, jüngst von „Hansel & Gretel“ vertretene, misogyne Hexenverfolgungsmoral.

Apropos: Als „Tanz der Teufel“ schrieb das Original Zensurgeschichte in der BRD, wurde rasch zum Staatsanwalts-Liebling und fiel im Juli 1984 bundesdeutscher Filmverbrennung zum Opfer – besonders pikant dabei: Sam Raimi ist jüdischer Abstammung. Das Totalverbot bleibt bis heute, 30 Jahre später, bestehen. Ob der professionalistische, atemberaubend bestialische Remix trotz FSK-Siegel (die leicht gekürzte R-Rated-Fassung wurde ohne weitere Schnitte für die 18er-Freigabe übernommen) vom derzeit wieder grassierenden Verbots-Furor erfasst wird, ist angesichts unkalkulierbarer Richterwillkür kaum zu prognostizieren. In Anbetracht globalisierter Filmmärkte und des Internets gibt es ohnedies keine erbärmlichere Verschwendung von Steuergeldern.

 

Erschienen in Splatting Image 94, Juni 2013

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