We Are What We Are

Fine Young Cannibals: Einfühlsames Horrordrama um den Untergang einer Kannibalenfamilie im amerikanischen Hinterland.

 We Are What We Are Cover

Jim Mickle, USA 2013
DVD/BD-Start: 13.12.2013
Story: Als die Mutter an einem Herzinfarkt jäh verstirbt, stehen ihr Witwer und seine drei Kinder vor dem aus. Wer bringt jetzt das Menschenfleisch auf den Tisch? Iris, die älteste Tochter der zurückgezogenen auf dem Land lebenden Familie, soll übernehmen, doch Nachbarn und Behörden werden misstrauisch.
Von Thorsten Krüger

Das Remake von Jim Mickle, der mit geringstem Budget („Mulberry Street“) auf sich aufmerksam machte, hat kaum mehr etwas mit Jorge Graus gleichnamigen Original von 2010 gemein. Er ersetzt die mexikanische Morbidität, die schwül-schmutzigen Gossen und den nihilistischen Kommentar über urbane Armut durch ein sorgfältiges Arthaus-Hinterland-Drama über den Untergang einer Kannibalensippe.

Diese in den Catskills entstandene American Gothic dünstet eine brütende Atmosphäre nahenden Verderbens und Verfalls aus. Im untertouriges, langsam getaktetes Horrordrama in vollständigem Regengrau verbreitet sich latenter Suspense. Daraus entwickelt sich eine sensible und gut gespielte Familien-Tragödie – „The Fall of the House Usher“ nicht unähnlich.

Eine „Texas Chainsaw Massacre“-Familie in viktorianischer Zärtlichkeit

Angesiedelt im US-Heartland, dem glanzlosen ruralen Hinterland, folgt Mickle den einsiedlerischen Parkers, die noch so wie zu Pioniertagen im 18. Jahrhundert leben, was diverse Rückblenden bezeugen. Obwohl sie einer selbst verfassten Menschenfresserbibel folgen, sind die zwei Mädchen und der Junge so verhuscht wie „The Innocents“: eine „Texas Chainsaw Massacre“-Familie in fast schon viktorianischer Zärtlichkeit.

Ein niederschlagsreiches Sturmtief wäscht immer mehr Spuren vergrabener Knochenberge aus, was einen jungen Cop, Nachbarn sowie den Vater eines der vielen vermissten Mädchen Verdacht schöpfen lässt. Die Schlinge zieht sich zu – der Tag der Rache naht. Aber auch derjenige der Emanzipation. Denn die schöne, traurige Iris (großartig: Ambyr Childers), verliebt sich in den ahnungslosen Cop, die Liebe einer Verdammten.

Verschüttete Verbrechen als psychologische Metapher

Nichts deutet daraufhin, dass sie gegen die von einem tödlichen Glauben geprägte Sippe, die wie Mormonen fern der Moderne hausen, aufbegehren und diese mörderische patriarchale Tradition brechen kann. Freudlos bleibt sie angekettet wie ihr lebendes Futter an eine verfluchte Mesalliance, was scheinbar rettungslos in spärlicher Lichtsetzung auf ein Henkersmahl zusteuert.

Die starke Stimmung ist von Fäulnis durchzogen, bietet subtil naturalistisch ein Bild menschlicher (Knochen)Überreste und ist bei Bedarf blutig, aber niemals Splatter. Ein Coming-of-Age, dessen Umgang mit verschütteten Verbrechen zur psychologischen Metapher wird. Und ein Werk über Liebe und Gottes (falsch verstandenen) Willen mit dem finalen Einverleibungs-Akt einer fleischlichen Eucharistie, in einer ohnedies sehr religiös geprägten, stillen Variation von Fanatismus.

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