Philomena

Tragikomisch und unendlich nahegehend arbeitet Stephen Fears mit Judi Dench die Verbrechen der katholischen Kirche in Irland auf.

Philomena Cover

Stephen Frears, GB/FR/USA 2013
Kinostart: 27.02.2014, DVD/BD-Start: 03.09.2014
Story: 50 Jahre, nachdem man der verstoßenen Schwangeren in einem katholischen Schwesternheim den 3-jährigen unehelichen Sohn in die USA verkauft hatte, erzählt Philomena Lee ihr tragisches Schicksal ihrer Tochter. Diese bittet TV-Journalist Martin Sixsmith, mit ihrer Mutter nach dem verlorenen Sohn zu suchen.
Von Sir Real

Die unbarmherzigen Schwestern: Wie Peter Mullan greift auch Stephen Frears, fast wieder auf der Höhe von „Dirty Pretty Things“, die Schandtaten unchristlicher Menschenquäler im Namen des Herrn auf, nur mit pointenreicher Komik, die doch nie die Tragik verhüllt. Wie in „The Queen“ fordert eine Schauspielgröße, diesmal Judi Dench („Skyfall“) im Duett mit dem faszinierenden Steve Coogan, zum Lachen und Weinen heraus.

Wäre die Handlung erdacht, müsste man meinen, die katholische Kirche würde übelst diffamiert. Aber das geschehene Unrecht ist wahr: Das Tatsachenbuch von Martin Sixsmith hat aufgedeckt, wie ein unaufgeklärtes Mädchen nach ungewollter Schwangerschaft in ein Schwesternheim abgeschoben, von kaltherzigen Nonnen seelisch gequält und jahrelang ausgebeutet wurde. Geburten ohne Schmerzmittel waren nur der Anfang.

Schwestern, die mit Babys Menschenhandel betrieben

In einigen Rückblenden erfährt man, wie die Schwestern mit ihrem und anderen Babys Menschenhandel betrieben und den 3-jährigen gegen den Willen der Mutter nach Amerika verschacherten. Wie viel kriminelle Energie in diesen bigotten Teufeln steckt, klärt erst die 50 Jahre später einsetzende Handlung, die endlos Empörendes enthüllt: Die Nonnen verheimlichten sogar, dass der Sohn die Mutter suchte. Bis er starb.

Diesem abstoßenden Verhalten und den bestürzenden Details über beider Schicksale begegnet Frears behutsam und aus dem Blickwinkel eines Odd Couple: der ungebildeten, naiven Philomena und dem intellektuellen Zyniker Martin, die als krass divergente Buddys niemals billig wirken, sondern liebenswert originell für sich einnehmen – auch, weil Frears speziell Denchs unendlich eindringlicher Philomena viel Würde schenkt.

Aufarbeitung mit Lügen der unglaublichen Sorte verhindert

Diese Frau ist ein leichtes Opfer eines inhumanen Systems, das sie für ein klein wenig Spaß ein Leben lang bestrafte und sie so gehirngewaschen hat, dass sie sich als Sünderin schämt und ihrer Peiniger verteidigt. Die brutale Quasi-Haftanstalten wurden erst 1996 geschlossen und von allen Beteiligten die Aufarbeitung mit Lügen der unglaublichen Sorte verhindert – so wie bei jedem kirchlichen Missbrauchsskandal üblich.

Ihre Reise in die USA und zurück legt viele Wunden offen, Schwulsein und Aids erhalten einen kirchen- und republikanerkritischen Anstrich. Aber Glaube und Hoffnung wirken besänftigend in der Durchmessung eines gestohlenen Lebens. So, wie die trefflichen Diskussionen pro und contra Religion und Gott ausgeglichen ist, handelt „Philomena“ dramatisiert, sentimental und witzig eher von Vergebung und Friede als Wut und Anklage.

Eher Vergebung und Friede als Wut und Anklage

Dass der unbedingt anrührende Film das Herz erwärmt, liegt an dem gewinnenden Gestus einer philanthropen Charakter-Komödie. Und daran, dass Jesus‘ Liebe größer ist, als all der Hass, den die katholische Kirche sät.

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