Blau ist eine warme Farbe

Der Gewinner der Goldenen Palme: Kein lesbisches Coming Out, sondern ein explizites Liebes- und Beziehungsdrama zwischen Frauen.

Blau ist eine warme Farbe Cover

La vie d’Adèle, Abdellatif Kechiche, FR/BE/SP 2013
Kinostart: 19.12.2013, DVD/BD-Start: 30.04.2014
Story: Als Schülerin Adèle, die bislang pflichtschuldig, aber unglücklich mit Jungs experimentiert, die blauhaarige lesbische Künstlerin Emma erblickt, sind die Würfel gefallen. Eine leidenschaftliche Liebe nimmt trotz Startproblemen ihren intensiven sexuellen Lauf und endet Jahre später mit Abweisung und Affären.
Von Thorsten Krüger

Wäre der ganze Film so wie die letzten drei Minuten, hätte ich ihn richtig geliebt. Dann nämlich verbinden sich Stimmung, melancholische Musik und Adèles Empfindungen zu einer Einheit, die ergreift. Davor finden 179 endlose Minuten Gefühls-Pornografie statt, die in Nahaufnahme (die zweifellos grandiose) Adèle Exarchopoulos beim Rotz- und Wasser-Heulen zeigen, in einem radikalen Subjektivismus-Trip.

Das mit literarischen Bezügen versehene Porträt einer jungen Frau fokussiert dermaßen auf die Gefühlswelten der Schülerin und späteren Grundschullehrerin Adèle, dass die Kamera immer ekelhaft eng an ihrem Gesicht klebt. Ein distanzloses Dauer-Close-Up, das unmittelbar in ihre Empfindungen hineinversetzen soll. So sehr Kechiche ihr physisch unter die Haut kriecht, so oberflächlich bleibt sein exzessives Bemühen.

Tapferkeitsmedaille für unerschrockene Nacktszenen

Denn trotz der immensen Laufzeit erfährt man viel zu wenig über die Figuren und findet sich lediglich mit einer permanenten Zurschaustellung ihrer privaten Regungen konfrontiert. Weil man nie in Adèles Gedankenwelt, noch weniger in die ihrer Freundin eintauchen kann, der burschikosen Jeans-Künstlerin Emma (Léa Seydoux), die zudem etwas Kalt-Unsympathisches verströmt, zieht sich diese Exerzise unglaublich hin.

Intensiv und explizit sind nicht nur Tränen, sondern auch der lange Stöhn-und-Keuch-Sex, der quasi Hardcore ist und dabei so unattraktiv wie erschöpfend ausfällt. Da ist die Goldene Palme von Cannes weniger für die Regie als für die beiden, verdammt mutigen, Darstellerinnen gerechtfertigt, wenn auch mehr als Tapferkeitsmedaille für unerschrockene Nacktszenen. Aber auch die Darstellung von Glück und Unglück.

Man hofft, der Film möge endlich abheben

Was dabei an den Rand gedrängt wird, wäre der eigentlich interessante Part: Wie die divergenten Milieus von Arbeiterin und Künstlerin zuerst harmonieren und beide wieder trennen. Wie Emma Adèle vernachlässigt, diese aus Einsamkeit einen Seitensprung begeht, dafür herausgeworfen wird und erfolglos versucht, um einen Neuanfang zu betteln. Das hat etwas beklommen Sinnloses, doch auch hier gilt: es rührt einfach nicht.

Als die Gefühle der Frischverliebten hochkochen, hofft man, der Film möge endlich abheben. Allein, es geschieht nicht. Kechiche, dessen ebenfalls überlanges Immigrantendrama „Couscous mit Fisch“ ich schon durchwachsen fand, findet trotz sehr französischem Stil, der dicht aufrückenden Linse (Lieblingsobjekt seiner Begierde: Adèles halb geöffneter Mund) und der munteren Montage nie zu einem aufregenden Miteinander.

Durchweg ungewöhnliches Werk

Mögen die beiden Lesben füreinander entflammen, für den Zuschauer tun sie das nur sehr bedingt. Nicht, dass wir uns missverstehen: „La vie d’Adèle“ ist ein durchweg ungewöhnliches Werk und verfolgt ein cineastisch couragiertes Konzept. Aber von einem dermaßen bejubelten, dreifachen Cannes-Gewinner erwarte ich einfach mehr.

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