Atlas

Transgressives, verstörend schönes Filmkunstpoem aus den monströsen Eingeweiden unserer Zivilisation.

Atlas Cover

Antoine D’Agata, FR 2013
Sendetermin: 03.12.2013 (Arte) ohne deutschen Verleih
Story: Ein Namenloser reist über den Globus zu heruntergekommenen Orten, wo Nutten, Fixer und andere Abhängige vegetieren. Während sie Freier bedienen, sich ihrem Drogenrausch hingeben oder im Elend liegen, sprechen die Prostituierten aus dem Off deprimierende Gedanken über ihr Leben und die Welt.
Von Thorsten Krüger

Seit 30 Jahren schon reist der renommierte französische Fotograf Antoine D’Agata zu den Gossen dieses Planeten, um dort Dirnen und Drogenabhänge abzulichten. Sein über zwei Jahre hinweg entstandenes Regiedebüt bietet die Essenz seines bisherigen Schaffens: In Dutzenden Rotlichtvierteln taucht er tief in die Schlünde der verschwommenen Realität ein, eine fiebrige Fantasie von erschreckend-betörender Fremdheit.

Gewiss, „Atlas“ gilt als Dokumentation. Aber diese mythische Irrfahrt ins Herz der Finsternis, zu Schmerz, Elend, Tod, zu den trostlosen Zuständen, in denen die Verdammten dieser Welt hausen, ist schon eine verstörende Grenzerfahrung. Und ebenso ein waghalsiges Filmkunstwerk aus schauerlichen Stillleben der Opiumhöhlen, in Bildern wie Skulpturen und einer Lyrik direkt aus der Seelendämmerung, die nie Erlösung findet.

Eine Vision aus der Vorhölle

„Die Nacht verzehrt mein Leben“: Der kryptisch-sinnierende Depri-Gedankenfluss der Huren begleitet die stoischen Aufnahmen von unbewegter Kadrage, grobporige Impressionen ewigen Zwielichts, die eine verheerende Unermesslichkeit ausstrahlen. Auch das hypnotische Grundrauschen mit seinem Industrial-Touch und die monotonen Trancegesänge tragen ihren Teil dazu bei, eine Vision aus der Vorhölle zu entwerfen.

So hässlich und schön, so zärtlich wie Hubert Selby und ebenso wie vor Angst vibrierende Gossengemälde eines Gaspar Noé entfaltet sich dieser Abgrund auf Leinwand, wie er auch von Francisco de Goya oder Arnold Böcklin stammen könnte. Diese Bilderbruchstücke eines zersplitterten Verstandes ähneln dem Zustand einer drogenumnebelten After Hour, in denen sich ausgezehrte Körper ihrem Crack-Delirium hingeben.

Einzigartiges Abbild der Verstoßenen dieser Welt

„Hier begräbt man die Toten und fickt die Lebenden“: Menschen sind nur noch Fleisch im Schmutz, animalisch in ihrer entblößten Nacktheit, wie Tiere kopulierend, ineinander verbissenen Kampfhunden gleich. An solchen Plätzen – wenngleich real existierend – hätte Frank Cotton um seine Lament Configuration gefeilscht, wo Leiber ohne Seelen nur für den nächsten Schuss noch atmen, ihren eigenen Dämonen hilflos ausgeliefert.

Und doch wohnen Empfindungen, Gedanken, Angst und Einsamkeit in ihnen, in schier unerträglichem Maße – erschreckender nur noch, wie sich die Bedingungen ihrer Not global gleichen. Ein einzigartiges Abbild der Verstoßenen dieser Welt, jener, die im Dreck des Erd-Unterleibs hausen, ein Dokument, das als Fanal fasziniert und all das zeigt, wo Biederes wie „Exit Marrakech“ wegblickt. Hier wird es kraftvolle Kunst-Collage.

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