Zeit der Kannibalen

Brutal komisches und bitterbös-brillantes Kapitalismus-Theater, das extrazynisch Satire und Psychogramm verbindet.

Zeit der Kannibalen Cover

Johannes Naber, D 2014
Kinostart: 22.05.2014, DVD/BD-Start: 05.12.2014
Story: Seit sechs Jahren jetten die Unternehmensberater Öllers und Niederländer rund um die Welt, um in Hotelkonferenzräumen den Gewinn ihrer Firma zu mehren. Als sie die junge Bianca vor die Nase gesetzt bekommen, ein Rivale Selbstmord begeht und die Company verkauft wird, liegen ihre Nerven blank.
Von Thorsten Krüger

Der Geheimtipp der diesjährigen Berlinale ist ein herrliches Quasi-Drei-Personen-Stück über Heuschrecken, ein Kammerspiel aus „Lost in Translation“, „Up in the Air“ und „The Wolf of Wall Street“. Johannes Naber („Der Albaner“) beweist, dass klasse Kino kein Budget benötigt, sondern großartige Schauspieler, eine tadellose Regieleistung und ein starkes Script (von Stefan Weigl), das einem Theaterstück gleicht.

Einem absurden wohlgemerkt, das allein in genormten Hotelzimmern spielt und die Welt auf ein paar abstrakte Kuben reduziert – die Wirklichkeit bleibt draußen, das Haifisch-Trio lebt in einer Parallelgesellschaft. In den flott und gewandt inszenierten Aufzügen dürfen Devid Striesow („Die Fälscher“), Sebastian Blomberg („Der Baader Meinhof Komplex“) und Katharina Schüttler („Oh Boy“) drei Affen mit bösartigem Vollschaden geben.

Das Haifisch-Trio lebt in einer Parallelgesellschaft

Von Beruf Arschloch: Damit mag Naber naive Menschenfeinde ohne Moral zeigen und nackte Wahrheiten über die gnadenlos Gesetze des sich selbst kannibalisierenden Kapitalismus verbreiten. Sein Film über drei menschliche Katastrophen ist dabei aber nicht nur schreiend komisch, sondern auch auf Augenhöhe mit seinen arroganten Krokodilen und ihrer derben (politischen) Weltsicht. Sie sind zur Kenntlichkeit entstellte Karikaturen.

Und Naber verrät sie nie für eine billige Pointe, sondern zeichnet ein vielschichtiges Psychogramm von ihnen, wie sie als Täter für eine namenlose Investmentfirma die Marktwirtschaft in der Welt verbreiten und schwarzhumorig dem eigenen System der Gier zum Opfer fallen. Ihre Neurosen und Kalküls, Ideale und Macken bringen treffend witzige Diskussionen und Verhaltensweisen hervor, kommentiert von ein paar Percussion-Sounds.

Mahnmal des kapitalistischen Holocaust

Ihr Spektrum umfasst Tobsuchtsanfälle und Randalieren, Intrigieren und Flirten, Selbsthass und Zerfleischung, flicht Gender, Sexismus, Kolonialismus und anderes locker mit ein. Power-Point-Karaoke und Lecken als Entwicklungshilfe nach dem Telefonat mit der Noch-Gattin? Alles ist möglich, erst ein Suizid zwingt sie zur Reflexion, was als Psychogramm brutal bloßlegt, wie Zynismus den Charakter ruiniert.

Lange verstecken sie sich hinter schusssicherem Glas, in ihre Welt dringt keine Realität, nur die Geräusche des Bürgerkriegs, irgendwo in Afrika. Der Dschihad bricht zum Schluss mit Gewalt diese Mauer auf, als man sie bereits über die Klinge hat springen lassen. Denn für diese Loser gibt es keinen Ausweg aus ihrem Lebensstil. Der kann nur mit der Kalaschnikow beendet werden. In einem Mahnmal des kapitalistischen Holocaust.

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