Meteora

In magisches Licht getauchtes Kunstkino, das sich mit einer Liebeselegie betörend in die Kontraste des Heiligen und Weltlichen versenkt.

Meteora Cover

Metéora, Spiros Stathoulopoulos, GR/D/FR 2012
Kinostart: 12.06.2014
Story: Mönch Theodor und Nonne Urania gehören zwei gegenüber liegenden orthodoxen Klöstern an, die im zentralgriechischen Metéora durch eine tiefe Schlucht voneinander getrennt sind. Heimlich unterhalten beide eine verbotene Liebesbeziehung. Gefühle und Sex stürzen sie in schwere innere Konflikte.
Von Thorsten Krüger

Der byzantinische Klosterkomplex im thessalischen Metéora dient als bildgewaltiges Relief für die Meditation über eine unerlaubte Affäre gleich dem mediävistischen Liebespaar Abaelard und Héloise – nicht tragisch, sondern inkludierend, aber voller Gewissenskonflikte über das zölibatäre Gelübde. Ein Schweben zwischen Himmel und Erde, so wie die auf monumentalen Sandsteinfelsen aus den Wolken ragenden orthodoxen Konvente.

Der aus Südamerika stammende Grieche Spiros Stathoulopoulos, der 2007 den kolumbianischen Kultthriller „PVC-1“ in einer Einstellung drehte, verbindet mit starkem Kunstsinn das Dokumentarische mit Fiktion (zum Drama fast ohne Narration) und Scherenschnitt-Animationen christlicher Ikonografie. In ungeschminkten Kontrasten vereint er sakrale Stille mit der Kakophonie einer Hieronymus-Bosch-Hölle zu reinem Arthaus-Genuss.

Fast jede Einstellung ist ein pastöses Naturgemälde

Divergierendes verschmilzt reizvoll: Trockene Percussion und kirchliche Choräle des mittelalterlichen Notre-Dame-Komponisten Pérotin, Einkehr und Andacht in formidabler Mise-en-Scène, in denen die Kamera fest ruht, kurz durchbrochen von einer hektischen Ziegenschlachtung – Abbilder des inneren Ringens der beiden gut aussehenden Liebenden zwischen Entsagung und Fleisch, Glaube und Gott, Erlösung und Verdammnis.

Selbstkasteiung wie der Versuch, sich mit Feuer die Sünde auszubrennen, sind die Ausnahme in einem vorwiegend ruhige Rituale und Gebete abbildenden, mehr dem Geist als dem Körper entsprechenden Film, der sich als Pastorale mit beschaulicher Bukolik zwischen Klosterleben und Hirtenvolk bewegt: Fast jede Einstellung ist ein exzellentes, pastöses Naturgemälde verschiedener Lichtstimmungen und Tageszeiten.

Erinnert an die schönsten Arbeiten von Theo Angelopoulos

Mit den Wanderern über dem Nebelmeer, die Abgründe überwinden und dabei selbst hineinzustürzen drohen, erinnert Stathoulopoulos stilistisch an die schönsten Arbeiten seines berühmten Landsmanns Theo Angelopoulos, nur in religiösem statt politischem Kontext – und gerade halb so lang. „Metéora“ hat etwas Alltägliches und zugleich darüber Erhabenes, vor allem aber einen gleichnishaften Charakter, symbolhaft, trotzdem leicht.

Das liegt auch an den handlungsergänzenden Zeichentrick-Sequenzen, ein altmeisterlicher Ikonen-Comic, der biblische wie griechische Mythen aufgreift, wenn der Mönch in einem minotaurischen Irrgarten Jesus ans Kreuz schlägt und ein Meer aus Blut ihn sintflutartig fortschwemmt. Dann wirken die Liebhaber wie in einem Kreis des Danteschen Infernos gefangen – im Wissen, dass die schlimmste Sünde die Verzweiflung ist.

Aus teilnehmender Distanz erzählte Passion

Mal subtil, mal ganz direkt wirkt die Metaphorik in die aus teilnehmender Distanz erzählte Passion der verlorenen Schäfchen Gottes. Dies fällt nicht so thesenhaft wie in „Kreuzweg“ aus, sondern ist, wenn die Lust explizit in die Askese einbricht, den beiden lebensbejahend zugewandt. Körper und Geist sind keine unüberwindbaren Gegensätze (Rapunzel-Haar macht’s möglich) in einem besonderen Werk, das an Lech Majewskis Renaissance-Experiment „Die Mühle und das Kreuz“ sowie Pawel Pawlikowskis minimalistische Schwarzweiß-Kantate „Ida“ anschließt.

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