Blue Ruin

The Act of Killing: kühl-intensive Charakterstudie um eine unauflösbare und ruinöse amerikanische Blutfehde.

Blue Ruin Cover

Jeremy Saulnier, USA 2013
Kinostart: 11.12.2014, DVD/BD-Start: 02.04.2015
Story: Dwight ist ein obdachloser Drifter, der in einem Autowrack in den Dünen lebt. Als er erfährt, dass der Mörder seiner Eltern auf Bewährung aus dem Gefängnis kommt, macht er den Wagen flott und lauert ihm mit einer Waffe auf. Damit setzt er sich unvorbereitet der Rachewut von dessen aggressiver Sippe aus.
Von Max Renn

Wie man in einer schlichten Rachestory ein nuanciertes Arthaus-Charakterdrama aufspürt, das poetische Rostbilder einer Nation in melancholisch-schöner Indie-Bleiche ausdünstet, zeigt Jeremy Saulnier bravourös, der Kameramann von Mumblecore-Regisseur Matthew Porterfield („I Used to Be Darker“). Ein (nicht ganz) kurzer Film über das Töten, geradewegs das Gegenteil zum blindwütigen Rausch des US-Rachekintopps.

Diesen Zugang findet Saulnier über Macon Blair (aus seinem Debüt „Murder Party“). Der verleiht seiner komplexen Figur gefühlvollen Zwiespalt, ein schwacher, untersetzter Jedermann, mit weichem Gesicht und großen, traurigen Augen. Dieser zerstörte Sensible ringt absolut glaubhaft mit seiner Mordmission – ein erschrockener Einzelgänger, der spürt, wie der American Way des „Auge um Auge“ nur Blinde hervorbringt.

Akzentuiert verblüffend menschliche Aspekte

Derweil lässt der Regisseur und Drehbuchautor seine – natürlich selbst fotografierten – blaustichigen Bilder für sich sprechen, anstatt alles auszuerklären. Sein Renegat, ein blutiger Amateur, schlittert in einen Kampf auf Leben und Tod, der auch seine Schwester bedroht, die er unwiderruflich verlassen hat. Ein alter Schuldfreund leistet ihm die dringend benötigte Waffenhilfe, um es mit einer Redneck-Familie aufzunehmen.

Wer Gewalt sät: Deren Mitglieder gehen kaltblütig und brutal gegen ihn vor – der Laie wird mehrfach verletzt – und Blut sieht hier sehr realistisch aus. Es tut richtig weh, Wunden zu sehen. Und von Genugtuung beim Töten ist nichts zu spüren, denn das ist alles andere als einfach. Ein kühler, intensiver Suspense packt beharrlich und speist sich aus unverhofften Volten, langen Wartezeiten und dem Stolpern über Unerwartetes.

Vergeltung ist eine emotionaler Ausnahmezustand

Statt der Ego-Shooter-Mentalität gängiger Rache-Gerichte erwartet einen ein Reality Check im (nicht unerheblichen) Selbstjustizsektor. „This is ugly, man“, meint sein Kompagnon und der ohne coole Western-Stilismen wie bei den Coens gewirkte Abgesang verdeutlicht, dass Vergeltung ein emotionaler Ausnahmezustand ist. Der eine hässliche Blutspur nach sich zieht, der aufwühlenden Amok-Analyse „Blue Caprice“ nicht unähnlich.

In einem untervölkerten Land, beinahe nur aus einsamen Waldgrundstücken bestehend, kehrt ein Hobo nur äußerlich ins Zivile zurück, um zweifelnd in ein Schlamassel zu ziehen, in dem böse Komik aufblitzt. Dies endet in einem Blutbad, denn mit einem Gewaltclan lässt sich kein Frieden schließen. Was aber keine These ist, sondern in all seinen persönlichen, verblüffend menschlichen Aspekten akzentuieren Ausdruck findet.

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