Jack und das Kuckucksuhrherz

Überfrachtetes Animationsmärchen, dem zwischen Steampunk-Poesie und Gothic-Musical Gefühl und Geschichte verlustig gehen.

Jack und das Kuckucksuhrherz Cover

Jack et la mécanique du coeur, aka The Boy with the Cuckoo-Clock Heart, Stéphane Berla, Mathias Malzieu, FR/B 2013 Kinostart: 03.07.2014, DVD/BD-Start: 05.11.2014
Story: Als Jack 1874 in Edinburgh geboren wird, gefriert sein Herz im Jahrhundertfrost. Hexenhebamme Madeleine baut ihm dafür eine Kuckucksuhr ein – und rettet damit Jacks Leben. Seine Mechanik aber verkraftet es nicht, sich zu verlieben. Was prompt geschieht, als er die andalusische Drehorgelspielerin Acacia erblickt.
Von Thorsten Krüger

So sehr ich den bezaubernd-liebevollen französischen Tricktraum auch mögen möchte: Ich kann es nicht. Obwohl jede der vielen Zutaten für sich verheißungsvoll ist – die unerfahrene Regie hat kein Gespür, sie per Storytelling zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Vielmehr verliert sich das Duo in überfrachtetem Beiwerk, womit sowohl Romantik als auch Figuren in einem chaotischen Rockmusical unterzugehen drohen.

Die gallische Gitarrenband Dionysos veröffentlichte 2007 das Konzeptalbum „La Mécanique du cœur“ und ihr Frontmann Mathias Malzieu simultan mit großem Erfolg das gleichnamige poetische Phantastik-Bändchen (dt. 2012: „Die Mechanik des Herzens“). Bei der Adaption seiner schmalen Erzählung übernimmt er selbst die Regie, spricht Hauptfigur Jack und singt natürlich die Songs seiner Band. Mehr Cross-Media geht nicht.

Jugendstil, Steampunk und Caligari-Expressionismus

Nur ist Malzieu vielleicht zu multitalentiert, um eine Sache richtig hinzukriegen. Er erschafft einen wunderbaren Eklektizismus, bestehend aus reizenden Animationen viktorianischer Städtchen, Burtonesk verschroben, in einer tollen Farbpalette von cremefarben romantisch bis gotisch-düster. Ein wie von Hand geschaffenes Austattungs-Amalgam aus Jugendstil, Steampunk und Caligari-Expressionismus in prächtigem Look.

Doch beide Regienovizen verfallen ihren Taschenspielertricks: Wäre ihre Erzählkunst bloß so dynamisch wie die modernen Kameramätzchen, würde die Rockvideoclip-Choreografie doch nur zum klassischen Stil passen. Sie beschwören in einem fort die Magie, Story und Figuren aber bleiben jener ledig. Alles pflastern sie mit Gerede und Gesang zu, nie wecken sie Gefühle und Stimmungen aus ihrem Schlummer. Diese bleiben Potenzial.

An „Nightmare Before Christmas“ und „Coraline“ orientiert

Weniger wäre mehr gewesen: Es ist vor allem die nicht feinfühlig genug zubereitete Mischung, wegen der eine innere Leere, fast eine Seelenlosigkeit herrscht. Alles ist vorhanden – aber es fehlt der Lebensfunke. Was bleibt, ist tote Materie, hübsch anzuschauen. Statt die Liebe des langweiligen Naivnapfs Jack und der bildhübschen Acacia auszukosten, speist uns Malzieu mit einem schlechten Melodram ohne Charme und Rhythmus ab.

Wie sehr er mit dieser aufgepeppten, ruhelosen Theme-Park-Mentalität die zarten Poesiepflänzchen ruiniert, verdeutlicht ein Vergleich mit wahrhaft lyrischen Werken wie „Der kleine Prinz“. Die enge Orientierung an der derzeit wieder schwer in Mode gekommenen Steampunk-Fantasy sowie den Arbeiten von Tim Burton, insbesondere „Nightmare Before Christmas“ und „Edward mit den Scherenhänden“, sind indes kein Nachteil.

Fabelhafte Einfälle bleiben Stückwerk ohne Mehrwert

Aber mit ihrer ausdruckslosen Mimik bleiben die Figuren weit dahinter zurück, verblassen auch neben Henry Selicks „James und der Riesenpfirsich“ und auch seinem eng verwandten „Coraline“. Selbst Shane Ackers nur bedingt vergleichbarer „9“ konnte mehr bewegen. Damit bleibt die schöne Metaphorik von empfindlichen Herzen und dem Spiel der Gefühle verschenkt. Statt dessen bemüht Malzieu reichlich Kulturzitate.

Doch eine unmotivierte Horrorfigur wie Jack the Ripper und Georges Méliès, der wie in „Hugo Cabret“ eine elementare Nebenrolle einnimmt (und mit der Stummfilm-Hommage „Romeo & Juliets“ vergnügt) bleiben Stückwerk ohne Mehrwert. Ebenfalls fabelhafte Einfälle, etwa die Hexenchirurgin, 3D-Bücher-Dekor, Ziehharmonika-Züge und zeitweilig gute Songs wie „La panique mécanique“ sind Verschwendung pur.

Wie man ein Kunstmärchen eindrucksvoll verfilmt, zeigt indes Landsmann Jean-Pierre Jeunet mit „Die Karte meiner Träume“.

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