X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit Cover

X-Men: Days of Future Past, Bryan Singer, USA/GB 2014
Kinostart: 22.05.2014, DVD/BD-Start: 17.10.2014

Seit „Die üblichen Verdächtigen“-Regisseur Bryan Singer anno 2000 die „X-Men“ vorstellte, wuchert die Marvel-Reihe mit Sequels und Spin-Offs. Nach den enttäuschenden „Wolverine“-Abenteuern übernimmt wieder Singer das Ruder und demonstriert die Differenz von einem Comicquatsch wie „The Amazing Spider-Man 2“ zu gehoben-gereifter Graphic-Novel-Grandezza, die starke Emotionen und denkwürdige Momente bietet statt pompösen Bombast (außer in der Future Fantasy, wo viel geschwebt und mit Blitzen geschleudert wird).

In dieser „Terminator“-Dystopie-Finsternis stehen die Mutanten durch die „T2“-artigen Kampfmaschinen der Sentinels, einer Roboter-Armee, vor der Auslöschung. Weshalb sie verzweifelt den stabilen Wolverine (Hugh Jackman), der als einziger diese Zeitreise überleben kann, in die sonnig-witzigen 70er Jahre zurücksenden, um die Entstehung ihrer Nemesis zu verhindern. Was noch mehr Reminiszenzen an die „Terminator“-Reihe weckt – das Motto lautet gar identisch: „the future is not set“.

Jennifer Lawrence als tragisch verratene Mystique ist atemberaubend

Das Personal aus „X-Men: Erste Entscheidung“ und das der Original-Teile bildet nicht nur eine riesige Star-Besetzung. Sondern spielt bei allen hübsch angerichteten Super-Slo-Motion-Effektspäßen auch richtig eindringlich – auch diese „X-Men“-Episode funktioniert emotional vorzüglich. Grund dafür: James McAvoy („Drecksau“) als junger Charles und Michael Fassbender („12 Years a Slave“) als junger Erik. Mehr aber noch Jennifer Lawrence („Die Tribute von Panem“) als tragisch verratene Mystique. Wie sie es schafft, dieser Zentralfigur, von der es abhängt, ob ein schicksalshafter Rassekrieg ausbricht, konträre Kräfte von Angst und Liebe, Entschlossenheit und Gewissensringen zu verleihen, ist atemberaubend.

Mit dem gemessenen Tempo und der erneut erheblich menschheitskritischen Haltung, in der Scharfmacher unter der Regierung Nixon eine Volksgruppe als Feindbild zu diffamieren beginnen, entwickelt sich ein nachdenkliches Bild einer Ära, als der Vietnamkrieg unrühmlich verloren ging. Das umschließt auch die (augenzwinkernde) Neuinterpretation des JFK-Attentats samt „Magic Bullet“-Theorie – eine ähnliche Geschichtsrevision wie „Godzilla“ mit seinen Pazifik-Atomtests.

Agieren und Motivationen der Beteiligten, die nach Sun Tsu Gegner mit ihren eigenen Waffen schlagen, sind bis in schmerzhafte Persönlichkeitsschichten plastisch und plausibel. Dank Singers Feingefühl, das sowohl die Coolness Wolverines, lockere „Star Trek“-Zitate, beklemmende Bedrohungsszenarien völliger Vernichtung als auch die überwältigende Rückkehr zu einer verloren geglaubten Familie, dem Mutanten-Refugium, unter einen Hut bringt. Chapeau.

Thorsten Krüger

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