Rico, Oskar und die Tieferschatten

Herausragende Jugendromanadaption, die mit Herz und Scherz so originell wie liebenswert einen Kindersommerkrimi entwirft.

Rico, Oskar und die Tieferschatten Cover

Neele Leana Vollmar, D 2014
Kinostart: 10.07.2014, DVD/BD-Start: 12.12.2014
Story: Rico nennt sich tiefbegabt, weil er geistig etwas langsam ist. Während in Berlin ein Kindesentführer sein Unwesen treibt, freundet er sich mit dem hochbegabten Oskar an. Als sie sich in Ricos Kreuzberger Miet-Altbau treffen wollen, ist Oskar verschwunden – das neue Opfer des sogenannten Schnäppchenentführers.
Von Jochen Plinganz

Nach ihrem Culture-Clash-Kassenerfolg „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ widmet sich Neele Leana Vollmar Andreas Steinhöfels gleichnamigen Bestseller, der 2009 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Und anders als bei Vollmars populären Vorgänger ist diesmal eine tiefe Verbeugung fällig: Endlich ein begeisternder Kinderfilm heimischer Herkunft, noch dazu für jung und alt, abwechslungs- und ideenreich!

Hier wird eine Freundschaft nicht nur behauptet, sie ist auch fühlbar, zwischen dem semmelblonden Rico, der beim Denken und der Orientierung überfordert ist, Gespött aber mit Selbstbewusstsein begegnet, sowie dem lexikalisch schlauen Oskar, ein Hasenfuß mit Helm. Vollmar zeigt sie auf Augenhöhe, mit sehr viel witzigen Dialogen im Berliner Dialekt und natürlichem Auftritt der Kinoneulinge Anton Petzold und Juri Winkler.

Skurrile Figuren, erheblicher Charme, ernste Grundierung

Obwohl Tempo und Story nur eine nachrangige Rolle spielen (eine wahre Wohltat!), schält sich eine „Emil und die Detektive“-Geschichte heraus, ein leicht zu durchschauender Kinderkrimi, dessen Stärken aber in den skurrilen Figuren, dem erheblichen Charme, den launigen Erlebnissen sowie der berührenden, ernsten Grundierung liegen – und dem nahegehenden Spiel der wandlungsfähigen Karoline Herfurth („Fack ju Göhte“) als Mutter.

Wenn andere Erwachsene typisch „künstlich“ agieren, es passt dazu und die vielen Starauftritte machen es mit Komik wett – von David Kross („Krabat“) über Ronald Zehrfeld („Zwischen Welten“) bis Axel Prahl („Harms“), sowie Anke Engelkes Gastspiel als unleidig-kiebiges Eiskugelweib. Wie sich Rico gegen sie und andere behauptet ist herrlich, gemütlich und liebenswert, zu unwiderstehlich heiterem Sommergeklimper.

Bewegende Märchenebene und beachtliche philosophische Einsichten

Es dauert ein wenig, bis sich Herz und Esprit entfalten, aber dann wickelt einen die wunderbare Welt von Ricos Mietshaus um den Finger. Witzige Einfälle, etwa Zeichentrickszenen, in denen Rico Begriffe erklärt (Graues Gefühl: Depression), die Sache mit der Fundnudel, Mr. 2000 – der Schnäppchenentführer -, die Tieferschatten aus dem einsturzgefährlichen (sic!) Gebäudetrakt, all dies ist hinreißend ausgeführt.

Außerdem hat das Abenteuer fern spektakulärer Reizüberflutung eine bewegende Märchenebene und beachtliche philosophische Einsichten („Sind wir jetzt echte Freunde?“ „Waren wir das nicht schon die ganze Zeit?“). Zwar haben Vollmar und das Drehbuchteam die deutlich düstere Vorlage entschärft, aber fehlende Väter, abwesende Elternteile und sterbenskranke Onkel verleihen aus dem Hintergrund lebensnahe Erdung.

3 Gedanken zu „Rico, Oskar und die Tieferschatten“

  1. Mehr als nur Potential 🙂
    Aber vom Buch zum Film ist es leider oft eine haarige Umgewöhnung…

  2. Ich LIEBE die Buchreihe – da ist es mal wieder schwer, sich an Figuren zu gewöhnen, die ich mir so nicht vorgestellt habe. Aber trotzdem sieht der Trailer interessant aus. Scheint jedenfalls Potential zu haben, oder?

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