It Follows

Nicht nur stilistisch eine Sensation: Die Flucht eines Mädchens vor einem viralen Fluch verängstigt mit nacktem, brillantem Grauen.

It Follows Cover

David Robert Mitchell, USA 2014
Kinostart: 09.07.2015, DVD/BD-Start: 19.11.2015
Story: Ein vermeintlich harmloses Schäferstündchen mit dem sympathischen Hugh endet für die 19-jährige Jay in blanken Entsetzen: Denn damit hat sich der sonst vorsichtige Detroiter Vorort-Teen einen Dämon eingefangen, der sie in wechselnden Gestalten verfolgt. Mit ihren Freunden versucht sie „Es“ aufzuhalten.
Von Thorsten Krüger

Zwischen Horrordrama und -studie sowie dunklem Jugendthriller hat David Robert Mitchell seinen Zweitling nach dem Coming of Age „The Myth of the American Sleepover“ angelegt, Komik und Poesie daraus aber in toxische Angst verwandelt. Der Disturbia-Vorstadtschrecken eines „Nightmare on Elmstreet“ trifft auf den puren Horror eines „Ringu“-Fluchs, der sich nicht per Ketten-Video, sondern Ketten-Sex verbreitet.

Es ist die geniale Formgestaltung, wegen der Mitchells Innovations-Injektion qualitativ nahtlos an die beiden Klassiker anschließt. Nicht nur errichtet er eine Bedrohung so sorgfältig wie Ti West („The House of the Devil“), exklusive dessen Manier, sondern besitzt auch die rare Fähigkeit, Unbehagen und Unheimlichkeit in ungeheurem Maße zu verströmen – nicht humorlos, aber frei von Ironie, damit die Angst-Attacken wirken können.

Wie der unbarmherzige Würgegriff einer Phobie

Diese Schreckenserlebnisse sind denn auch so intensiv erfahrbar, als hielte einen eine akute Phobie unbarmherzig in ihrem Würgegriff. Was insbesondere dem begnadeten Synthie-Score zu verdanken ist, der in diesen Momenten ein alptraumhaftes Tosen entfacht, das tief in alle Poren dringt. Der sich aber sonst wunderbar variabel zeigt, den Carpenter-Puls, empfindsamen Ambient und 80ies-Retro bis ins Expressionistische kann.

Abseits dessen beeindruckt die besonnen-besondere, den Moment findende, authentisch-elegante Methodik, die ganz anders mit dem umgeht, was sich andernorts stereotyp niederlässt: Diese Teenager sind keine aufgedrehten Kreisch-Kids oder High-School-Katalog-Models, sondern sensitive, melancholische Menschen aus Fleisch und Blut, die schweigen können – eine Jeunesse dorée in bisweilen lyrischer „The Virgin Suicides“-Stimmung.

Erwachsene spielen keine Rolle

Und dann spielen Erwachsene quasi keinerlei Rolle. So sind bedacht agierende Jugendliche aufrichtig unter sich dargestellt, wodurch die Akteure rund um Jay (Maika Monroe, „Labor Day“) aufblühen, auch weil die unfassbare Chiller-Ruhe der Regie ihnen Charakter zugesteht. In unlackiert düsterer Finsternis umweht sie ein bedrohlicher Wind, das pastellene Chiaroscuro der Nachtbilder und Gemäuer ist gleichzeitig weich, warm und kalt.

In dieser nicht klaustro- sondern agoraphobischen, gänzlich eigenen irrealen Welt verlangsamt und minimiert Mitchell nun seine Geschichte von der jungen Jay, die ihren Fluch per Geschlechtsverkehr abkriegt. Der Horror kriecht so schleichend heran, wie die Grauengestalten, die nur das Opfer selbst sehen kann, stumm heranstaken. Anders als bei Hideo Nakata erforscht Mitchell dessen Herkunft nicht – man weiß nichts über das Phantom.

Die Essenz des Boogey Man, verdichtet in einem fiesen Film

Was es besonders effektiv zur Metapher prädestiniert, nicht nur auf die aus der Erbmasse der Puritaner geborene Slasher-Sorge vor der (vorehelichen) Sexualität. Jay bräuchte nur mit jemanden schlafen, um „Es“ weiterzugeben, doch sie will eigentlich nicht. Der Verlauf gleicht dem Ansteckungsweg einer sexuellen Krankheit, ist aber keine muffige Warnung vor Promiskuität, sondern nähert sich sexuell Unausgesprochenem äußerst subtil.

Die (für alle reale) Gewalt des Nichts, des Dings, das vor nichts halt macht, entspricht der Essenz des Boogey Man, verdichtet in einem fiesen Film. Jays Los frappiert und entsetzt, weil Mitchell es so eindringlich schildert, mit einer grausamen Auflösung und einem Hallenbad-Ende, das fürwahr nervenzehrender als „Der weiße Hai“ in Atem hält. Eine (Teenage-Angst-)Entität, die definitiv Genregeschichte schreiben wird.

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