Die Behandlung

Der beklemmende belgische Pädophilen-Thriller der gehobenen Klasse ist starker Toback mit True-Crime-Spannung.

The Treatment Cover

De Behandeling, aka The Treatment, Hans Herbots, B 2014
DVD/BD-Start: 12.12.2014
Story: Hauptkommissar Nick Cafmeyer wird von Erinnerungen an seinen einst entführten Bruder geplagt und von dem vermuteten Täter noch immer belästigt. Als ein Kind verschwindet und der Fall Ähnlichkeiten mit damals aufweist, ermittelt Nick fieberhaft. Es geht das Gerücht eines Trolls um, der Kinder frisst.
Von Jochen Plinganz

Auch wenn der Antwerpener Hans Herbots vom Fernsehen kommt („The Spiral“) und sein Kinofilm „The Treatment“ mitunter daran erinnert, fesselt der erwachsene Kriminalthriller mit zum Schneiden dichter Atmosphäre und ausnehmend reifer, erfreulich unspekulativer Machart über Sexualverbrechen an Kindern, was im Land des Kinderschänders Marc Dutroux der Verarbeitung eines kollektiven Traumas gleichkommt.

Gewiss sind viele Elemente genreüblich – was die Adaption des Romans „Die Behandlung“ der britischen Krimiautorin Mo Hayder aber weitgehend von Skandinavienkrimi-Klischees befreit, ist die zurückhaltende, unspektakuläre und actionfreie, mithin seriöse Weise, sich dem Abscheulichen in all seiner schaurigen Wirklichkeit zu widmen. Statt eines „8mm“-Betroffenheitspornos verbreitet sich ein grausiges True-Crime-Feeling.

Suspense, Frust und Verlustschäden

Neben Motiven aus „Das Schweigen der Lämmer“ und vielen Reminiszenzen an Frédéric Schoendoerffers „Scènes de crimes“ birgt die unheimliche Fama eines übernatürlichen Wesens zusätzlichen Horror, der sich ganz in realen Ereignissen niederschlägt. Geert Van Rampelberg („The Broken Circle“) verhält sich als traumatisierter Polizist wie das ganze Team verblüffend professionell (außer im mir sehr missfallenden Finale).

Aus der nie stereotyp wirkenden Ermittlerarbeit von Spurensicherung und Zeugenbefragung geht leerlauffreier Suspense hervor, den der sechste Sinn des mit Frust und Verlustschäden kämpfenden Cops vorantreibt. Er ist ein Getriebener, der am Rande der Legalität operiert und mit Alleingängen Kollegen verärgert. Sie ahnen nicht, dass der „Troll“, der Kinderschänder, aktiv ist und eine weitere Familie ein Martyrium erleiden lässt.

Niemals überzogen oder reißerisch

Auch als Psychostudie des belasteten Protagonisten nähert sich das in fast tranceartigen Stil und zwischen farbarm-finster und gedeckt-weich wechselnden Design eisern schweigenden Verdächtigen, Überlebenden tagelanger Folter, die lieber gestorben wären, den besorgniserregenden Zuständen gestörter Menschen und Sätzen wie „the troll made me rape him“. Das Beunruhigende ist die Konfrontation mit psychisch Kranken.

Ganz zu schweigen von einem Selbstmörder, der sich vor den Augen des Kommissars erhängt. Es ehrt Herbots, dass er all das niemals überzogen oder reißerisch inszeniert. Sein Wettlauf mit dem Tod ist ein wahrhaft kalter Klumpen zum Schlucken, dessen Titel auf eine Behandlung mit weiblichen Hormonen rekurriert. Den abstoßenden Taten begegnet er mit Mitgefühl für die Opfer in einer nervenaufreibend-aufwühlenden Erfahrung.

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