Der junge Siyar

Kraftvolles, sozialrealistisches Coming of Age eines jungen kurdischen Ehrenmörders, der seine Schwester quer durch Europa verfolgt.

Der junge Siyar Cover

Før snøen faller, aka Before Snowfall, Hisham Zaman, N/D/IRQ 2013
Kinostart: 11.09.2014
Story: Als der 16-jährige Siyar nach dem Tod des Vaters seine ältere Schwester Nermin ungefragt verheiratet, flieht diese mit dem Mann, den sie tatsächlich liebt, nach Istanbul. Wild zum Ehrenmord entschlossen, reist er ihr auf Schmuggelrouten nach, an Seite des Straßenmädchens Evin, über Berlin bis nach Oslo.
Von Thorsten Krüger

Eine frauenfeindliche, mittelalterlich-patriarchale Tradition – nicht Religion – vergiftet einen eigentlich anständigen jungen Mann, der in dem traurig-humanistischen, bewegenden Heranreifungsdrama on the road Alternativen zu seinem engstirnigen Ehrbegriff entdeckt. Eine kathartische Reise zu den Unsichtbaren und Illegalen des Kontinents, womit Debütant Hisham Zaman einen Essay zu Fremdheit, Kultur und Freundschaft anbringt.

Mit stilistischer, bündig-nüchterner Klarheit geht der aus Kurdistan stammende Norweger auf eine rurale Stammeskultur ein, die ihre kranken Auswüchse bis ins ferne Oslo schickt. Anstatt vorschnell zu verurteilen, erforscht Zaman das Geschehen aus Sicht der Partizipienten (hervorragend agierende Laien), was dies zu einem großem Erlebnis macht. Leise Musik trägt Gefühle heran, lyrische Passagen und Gesang öffnen das Herz.

Essay zu Fremdheit, Kultur und Freundschaft

Zaman folgt mit genau der richtigen, vorsichtigen Dosis Poesie und Melancholie dem verschlossen-einsilbigen Siyar, der nur ein Ziel kennt – seine weggelaufene Schwester finden und töten – und trotz aller kosmopolitischen Etappen doch verhängnisvoll in seiner Beschränktheit gefangen bleibt, was eine nuancierte, komplexe Tragödie bedingt. In der Großstadt Istanbul erleidet er einen Kulturschock – und trifft ein gleichaltriges Mädchen.

Die als Junge verkleidete Straßendiebin Evin will im Subplot ihren Vater in Berlin finden, was wie die aufkeimende Zuneigung zwischen ihr und Siyar nahegehend von Migration und komplizierten Familiensituationen erzählt. Aber sie fungiert auch als Siyars Gewissen, das sich hinter der strengen Zornesfalte des fokussierten Einzelgängers zu regen beginnt, obwohl er noch mit Gewehr und Messer ein freies Liebespaar jagt.

Frauen in Trauer, weil Männer nur Gewalt kennen

Neben der sanft aufwühlenden Menschwerdung, Zwangsheirat und Ehrenmord zu hinterfragen, gelingt es durch die hervorragende fotografierten Drehorte, das sozialkritische Anliegen von Schmuggelrouten, Schleppern und einer Unterschicht mitten in Europa hautnah authentisch einzufangen. Zaman zeigt das Leben im Untergrund ebenso wie die todbringende Tradition, ohne sich Lösungen für diese Probleme anzumaßen.

Von der Spannung abgesehen, ob erwachende Liebe Siyar von seiner kaltherzig Schandtat abhalten kann und sein verbohrtes Wertesystem aufbricht, sprechen die emotional aufgeladenen Erinnerungen längst eine andere Sprache. Aber er geht einen Weg, auf dem ihm keiner folgen kann – wer den Tod bringt, wird den Tod finden. Am melodramatischen Ende stehen gleich drei Frauen in Trauer, weil Männer nur Gewalt statt Frieden kennen.

4 Gedanken zu „Der junge Siyar“

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