The Cut

Leise – mitunter zu leise – bewegend fällt Fatih Akins epische Odyssee über den Völkermord an den Armeniern aus.

The Cut Cover

Fatih Akin, D/F/TR/CDN 2014
Kinostart: 16.10.2014, DVD/BD-Start: 17.04.2015
Story: 1915 wird Familienvater und Schmied Nazaret vom türkischen Militär verschleppt und wie andere Armenier zur Sklavenarbeit gezwungen, bis man sie alle ermordet. Mit durchgeschnittener Kehle entkommt er in die Wüste, wo er herumirrt, um in Aleppo, Kuba und Amerika seine beiden Töchter zu suchen.
Von Thorsten Krüger

Der seinen Ambitionen nur bedingt gerecht werdende Abschluss von Akins mit „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ begonnenen „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie befasst sich mit dem Bösen im Menschen und handelt vom Genozid der Türken an mindestens einer Millionen Armenier – wofür der Regisseur anlässlich der Premiere in Venedig von rechtsradikalen türkischen Nationalisten Morddrohungen kassierte.

Nachdem sich 2002 Atom Egoyan im überkomplizierten „Ararat“ und die Taviani-Brüder 2007 im melodramatischen „Das Haus der Lerchen“ (mit Moritz Bleibtreu, der hier einen Kurzauftritt absolviert) damit beschäftigten, greift der armenischstämmige Scorsese-Autor Mardik Martin („Raging Bull“) das fast vergessene Leid auf, lässt Vollzug und Nachwirkungen des Massenmords aus Einzelperspektive von 1915 bis 1920 geschehen.

Es hapert an Wucht, Kraft, Lyrik und Emotionen

Eine Jesus-Figur, treffend Nazaret benannt, ist nach einem Kehlenschnitt symbolisch zum Schweigen verdammt, kann von den Untaten nicht berichten, sondern ist vielen Brutalen und wenigen Barmherzigen ausgeliefert. Tahar Rahim spielt ihn, doch bleibt er weit hinter seiner Ausdrucksstärke aus „Ein Prophet“ zurück. Und überhaupt hapert es Akins Etappen trotz aller Luzidität an Wucht, Kraft, Lyrik und Emotionen.

Zwischen Abenteuerdrama und politischem Western wandelt er auf den Spuren von Sergio Leone, David Lean und Imre Kertész („Roman eines Schicksallosen“). Er hätte sich einiges von „Schindlers Liste“ und „Der Pianist“ abschauen können und entwickelt nur im stillen Horror eines Flüchtlingslagers, wo Lumpengestalten in einer Totenzeltstadt elendig sterben, die schauerliche Intensität all der vielen Spuren des Genozids.

Kathartische Reise zur Diaspora

Sonst entfaltet die lange Laufzeit kaum Mehrwert. Der Suche des nicht allzu schlauen Protagonisten nach seinen letzten Angehörigen, den beiden Töchtern, mischt Akin sporadisch unnötige Komik bei. Nach Todesmärschen, in denen Muslime Christen die Hälse durchschneiden – Parallelen zum IS und den Jesiden drängen sich auf – wird es zum Running Gag, dass der etwas langsame Pechvogel seine Töchter stets knapp verpasst.

Die Odyssee führt bis ins kalte Nordamerika, wo die kathartische Reise zu dem in der Diaspora verteilten Rest eines Volkes zwar leise (vielleicht zu leise) bewegend ausfällt, die Stationen aber eine Aneinanderreihung ohne großen erzählerischen (Spannungs)Bogen bleiben. Dafür erwirken atmosphärische dichte Ausstattung, Staubkulissen und Arbeiterlook ein trefflich authentisches Porträt seiner Zeit aus „Gesindel“-Perspektive.

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