The Homesman

Berührend humanistisch-historische (Geister)Reise, die dem Western eine erschütternde, weibliche Perspektive verleiht.

The Homesman Cover

Tommy Lee Jones, F/USA 2014
Kinostart: 18.12.2014, DVD/BD-Start: 15.04.2015
Story: Ein kleiner Siedleraußenposten in Nebraska 1853. Die alleinstehende Farmerin Mary er klärt sich als einzige bereit, drei durch Entbehrungen, hartes Klima, Krankheit und Gewalterfahrungen verrückt gewordene Frauen zurück in die Zivilisation nach Iowa zu karren. Nur der alte Outlaw George steht ihr bei.
Von Caroline Lin

Trug die erste Kinoregie von Darsteller Tommy Lee Jones („No Country for Old Men“), die sozialkritische Grenzgeschichte „Three Burials“, noch Züge eines Neo-Westerns, wählt sein zweites Werk den Stil des neoklassischen Westerns, nur fernab von Männer-Dominanz, Revolverhelden und Konventionen. Viel erinnert an „True Grit“ (auch Hailee Steinfeld in einer Kleinrolle), nur ist Jones humanistischer und weniger stilverliebt.

Außerdem hat die Adaption eines Romans von Glendon Swarthout („Der Scharfschütze“) einen entscheidenden Vorteil: Es ist – endlich mal! – kein Rachewestern, das Standard-Motiv, das selbst die besten Vertreter ihrer Zunft (wie just den formidablen „The Salvation“) thematisch doch sehr limitiert. Statt dessen erzählt dieses Road Movie von 1853 von Charakter, Verantwortung, Würde, Mut und Verzweiflung – kurzum: von Moral.

Schockierende Abbilder von Wahnsinn und Leid

Und von einer starken Frau (gefühlvoll: Hilary Swank, „Million Dollar Baby“), die emanzipiert und tüchtig ist, deshalb alleinstehend leidet, weil kein Mann sie will. Sie rettet einen räudig-mitleiderregenden, knittergesichtigen Zausel (unaufdringlich: Jones selbst) vom Galgen, der ihr dafür mit seiner Erfahrung hilft, auf dem Weg durch die einsamen, eiskalten Weiten alle Beschwerlichkeiten und Gefahren durchzustehen. Ein Hoffnungs-Treck.

Der historisch korrekt anmutende Blick auf Lebens- und Sozialverhältnisse bis hinein in Betragen und Diktion entwirft das erschütternde Panorama menschlichen Elends in einer kleinen Grenzgemeinde, wo die Zivilisation nur bruchstückhaft existiert – eine handvoll Hütten in der kargen, winterstürmischen Prärie. Vergewaltigungen und in den Abort geworfene Säuglinge sind schockierende Abbilder von Wahnsinn und Leid.

Nächstenliebe in einem Niemandsland

Dass dazwischen auch komische Brisen wehen, ist vornehmlich Jones‘ skurrilem Kauz zu verdanken – sowie seiner Regie: bündig, leicht trocken-lakonisch, aber anders als die Coens zärtlich und mitfühlend. Die Geisterreise mit drei katatonischen Frauen hat etwas flirrend Transzendentes, das den luziden, schlichten Plot konterkariert, wenn nicht unterläuft. Wie hier gängige Western-Mythen zersetzt werden, ist schon meisterhaft.

God will strike you down: Diese Kutschenfahrt von Pionierin und Landbesetzer offenbart in kurzem Rückblenden, was ihre stummen Schutzbefohlenen Unaussprechliches erlebten. Dem Schreien, Wüten und Selbstverletzen kaputter Psychen begegnet Swanks Figur mit kleinen Gesten der Menschlichkeit: Nächstenliebe in einem Niemandsland, wo Leben nichts mehr gilt, wo nur Gräber und Relikte beredt Zeugnis ablegen.

Das bittersüße Vergessen obsiegt

Diese Mary, Mutter Courage und Jungfrau Maria in einem, steht mit ihrem Erhalt von Kultur und Humanität auf verlorenem Posten. Gerade als man glaubt, diesen menschlichen Winter durchstanden zu haben, folgt ein Suizid, der traurig macht. Die von Luc Besson coproduzierte, mit neun Charaktermimen – aber nur in Nebenrollen – besetzte Parabel auf vergessene Frauen hat damit einen Hauch von „Meek’s Cutoff“ und Arslans „Gold“.

Als eine warmherzig-christliche Meryl Streep („Im August in Osage County“) die menschliche Fracht in ihrem Methodisten-Asyl aufnimmt, ist zumindest ein Vermächtnis fortgeführt, von Marco Beltrami (Musik zu „The Giver“) wieder hervorragend emotional eingerahmt. Was aber nicht heißt, dass Grabsteine und Gesänge eine Legende begründen – das bittersüße Vergessen, die desillusionierende Realität obsiegt über hehre Absichten.

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