Dracula Untold

Dracula als liebender Familienvater, der Monster erschafft, um Türkenhorden aufzuhalten. Tragische Mittelalter-Horror-Fantasy zum Schmunzeln.

Dracula Untold Cover

Gary Shore, USA 2014
Kinostart: 02.10.2014, DVD/BD-Start: 12.02.2015
Story: Einst wurde Vlad als Kindersoldat von den Türken misshandelt, 1462 fordern diese von dem tributpflichtigen Fürsten 1000 Knaben plus seinen Sohn. Um deren brutales Riesenheer aufzuhalten, schließt Vlad einen Pakt mit einem Höhlendämon, um Superkräfte zu erhalten. Diese haben grauenvolle Nebenwirkungen.
Von Jochen Plinganz

Das Zeitalter der Comic-Superhelden zieht auch am Dracula-Mythos nicht spurlos vorüber. Bram Stokers legendäre Figur wird unter der Produktionsfirma, die „The Dark Knight“ schuf, zur gravitätischen Graphic Novel, zum Prequel – quasi Dracula Begins. Das mittelalterliche Fantasy-Actiondrama mit B-Besetzung hat Werbeclipper/Debütant Gary Shore kontur- und handschriftslos routiniert-uneigenständig ausbedungen.

Gleichwohl ist diese tragische Heldengeschichte um einen treu liebenden Mann und Friedensfürst auch nicht lächerlicher als Coppolas Barock-Edition von 1992. Weit davon entfernt, in Krampf wie „I, Frankenstein“ auszuarten, ist für Romantiker ohne Berührungsängste darin das starke Melodram spürbar und die nachfolgende Seelensehnsucht. Auch wenn Nüchterne diese Bedeutungsverschiebung wohl zum Schmunzeln finden.

„Game of Thrones“ light

Gleichsam ist es mit allem Ernst dargebotener Pulp, ein sehr heutiges Familiendrama, das (amerikanische) Familienwerte hochhält, die nicht unerhebliche Tragik aber hinter holprigen Dialogen und mittelprächtigen Figuren versteckt. Die Dramatik hat nicht die Kraft, die der mediokre Shore vergeblich daraus herauszukitzeln versucht. Merke: Inbrünstige „Nein!“-Schreie sind keine Emotionsverstärker. Vieles lässt einen unbeteiligt.

Auffälliger ist anderes: Oft mutet dies wie „Game of Thrones“ light an, wovon ohnehin schon der Komponist, Art Parkinson als Vlads Sohn und Charles Dance als Höhlen-Urvampir (ein wenig wie der Tod aus „Das siebente Siegel“) stammen. Dazu kommen diverse „Herr der Ringe“Schlachten, bei denen jemand das Licht ausgeknipst hat – die verschwommen-hektische Fantasyaction findet im lichtschwachen Halbdunkel statt.

Türken auf dem Weg nach Wien

Luke Evans („Der Hobbit: Smaugs Einöde“), die Taschengeld-Ausgabe von Orlando Bloom, gefällt als Balkan-Fürst. Sein Faustischer Pakt als ein Orpheus in der Unterwelt mit der Kreatur im Reißzahngebirge (!) wiederum entfaltet so wenig Potenzial wie die Liebe zu seiner Gattin (Sarah Gadon, „Enemy“), obwohl sich Shore redlich damit abmüht. Schlachten und flatterhaftes CGI – nicht nur bei Fledermäusen – sind eher seine Sache.

Womit wir bei den Türken wären: Das historische, christliche Transsylvanien wird von diabolisch-unmenschlichen Horden bedroht, sardonische Kinderräuber mit Großmachtphantasien. Im verzweifelten Versuch, das Abendland gegen eine erbarmungslose Übermacht zu verteidigen und sie auf dem Weg nach Wien aufzuhalten, bringt ein sorgenvoller Vaterlandsschützer ein großes Opfer. Das hätte sich kein deutscher Regisseur getraut.

Gerechter Krieg, der Monster erschafft

Obwohl der eigentliche Bösewicht der osmanische General ist (fies: Dominic Cooper, „Need for Speed“), bleibt die Intention unpolitisch. Immerhin geht es um den gerechten Krieg, der nicht nur ein, sondern gleich viele Monster erschafft, um einen brutalen Feind, Okkupanten und Aggressor abzuwehren, wo zum Zwecke der Vergeltung eine Armee der Finsternis geschmiedet wird, die sich anschließend nicht mehr kontrollieren lässt.

Der Fluch der guten Tat: Das weckt spezielle US-Erinnerungen an die Mudschaheddin, die später zu Taliban und al-Quaida wurden. Auch mit der IS, ausgerüstet mit schweren US-Waffen aus irakischen Beständen, verhält es sich ähnlich. Da hat die kalte Poesie des Totenvogel eines „Nosferatu“ oder die Magie der Nacht eines „Only Lovers Left Alive“ in dieser eher versehentlichen militärischen Kulturkampf-Allegorie natürlich keinen Platz.

Missverstanden wie „Maleficent“

Bevor man dann doch lieber Vlad, das Kaninchen mit den Keksen („Horton hört ein Hu!“) präferiert, kann der unverzagte Gefühlsmensch unter all dem Fantasy-Bombast und anderen Versatzstücken ein für Sensible überaus spürbares Treue-Melodram finden, das den Fürst der Finsternis als missverstanden wie „Maleficent“, als Lichtgestalt auf Höllenfahrt ausweist und ihn abschließend einem Zyklus aus Verdammnis und Hoffen aussetzt.

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