Im Labyrinth des Schweigens

Oft aufrüttelnd, bisweilen durchwachsen: Alexander Fehling in einem Justizkrimi um das Schweigeklima vor den Auschwitz-Prozessen 1963.

Im Labyrinth des Schweigens Cover

Giulio Ricciarelli, D 2014
Kinostart: 06.11.2014, DVD/BD-Start: 21.05.2015
Story: 1958. Nur mit Deckung seines Chefs Fritz Bauer und Hilfe eines FR-Reporters beginnt der mit Verkehrsdelikten betraute junge Frankfurter Staatsanwalt Johann Radmann im Fall eines unbehelligt lehrenden Auschwitz-Aufsehers zu recherchieren. Er stößt auf 8000 SS-Täter und eine ganze Mordmaschinerie.
Von Thorsten Krüger

Ohne Auschwitz (Besuch inklusive) als zentraler Gräuelmythos geht nichts im deutschen Vergangenheitsbewältigungsgenre, als dessen gehobener und historisch akkurater Vertreter Giulio Ricciarellis Debütarbeit einen Grünschnabel gegen alle Widerstände den Horror des Holocaust entdecken lässt. Das Porträt der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft formt sich teils zum fesselnden Justiz- und Politthriller der Adenauer-Ära aus.

Das aus heutiger Antifa-Perspektive geschilderte Zeitgeschehen weist adrett ausstaffiertes Dekor auf und entwickelt mit Investigativ-Furor gegen eine Mauer des Schweigens alter an der Macht befindlicher Nazi-Seilschaften beklemmende Spannung. Alexander Fehling („Goethe!“, „Buddy“) führt eine überzeugendes Ensemble an, der Schrecken sadistischer Massenmorde wird in mehreren virtuosen Vernehmungsszenen nonverbal erfahrbar.

Der Unterhaltung verpflichteter Krimi

Aber Ricciarelli betreibt auch ein moralisierendes Edukationsprogramm, das Schülern alles erklärt. Der US-Ami ist ein echter Clown, der Love Interest (Friederike Becht) samt 50er-Jahre-Reizwäsche Kokolores, die Jagd nach Mengele Kolportage und wie Radmann daran fast zerbricht, wird psychologisch so grob gestrickt wie die Dialoge oft farblos und schwachbrüstig geraten. „Der Richter“ weist da viel mehr (Drehbuch)Klasse auf.

Das Handwerk bleibt zwiespältig und durchwachsen, aber die thematische Wucht dringt immer wieder durch und auch das würdevolle Ende ist wirksam. Womit Ricciarellis Film bewegender ausfällt als „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, weil es keine nüchterne Chronik, sondern ein der Unterhaltung verpflichteter Krimi ist. Seine augenfällige Mechanik kondensiert gleichwohl nie das nackte Grauen wie „Das radikal Böse“.

Porträt der Nachkriegsgesellschaft

Ansonsten warte ich auf den Tag, an dem ich aus China, Russland, Türkei oder Amerika eine so kritische Aufarbeitung der eigenen vergangenen Verbrechen sehe. Bis dahin bleiben wir wohl das einzige Land, das den Mut hat, sich dem so offen zu stellen – und „Im Labyrinth des Schweigens“ zeigt eindrucksvoll, wie schwierig dies in der damals vorherrschenden Verdrängungsgesinnung war. Darauf können wir zu Recht stolz sein.

4 Gedanken zu „Im Labyrinth des Schweigens“

  1. Gute Review – und auch gut gesprochen im letzten Absatz. Wenn Leute uns als Deutsche uns an die Vergangenheit unseres Landes erinnern und die grausamen Fehler, wünsche ich mir auch manchmal, dass andere Länder auch soviel Aufarbeitung betreiben würden.

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