Wie ein weißer Vogel im Schneesturm

Seelische Abgründe in verträumtem 80er-Hochglanz: Shailene Woodley in einer freizügig-komischen Coming-of-Age-Mystery.

White Bird in a Blizzard Cover

White Bird in a Blizzard, Gregg Araki, F/USA 2014
DVD/BD-Start: 07.08.2015
Story: Eine US-Vorstadtsiedlung im Herbst 1988. Von einem Tag auf den anderen verschwindet Eve, die zuletzt schwer erträgliche Mutter der 17-jährigen Kat, spurlos. Als die polizeilichen Ermittlungen nichts ergeben, beginnt Kat eine Affäre und entwächst ihrem Umfeld. Nur Eves Geheimnis bleibt verborgen.
Von Thorsten Krüger

In seiner bislang reifsten Leistung stellt US-Indie Auteur und New-Queer-Cinema-Begründer Gregg Araki („Mysterious Skin“) zu genießerischem 80er-Look und sanften Synthiepophymnen sein Lieblingssujet vor, das sexuell freizügige Erwachsenwerden. Er verbindet Teen-Fantasien mit harten Gefühlsrealitäten zur extravaganten „Twin Peaks“-Version, aus der er High Camp und Komik kitzelt und dennoch das Authentische wahrt.

Nach dem gleichnamigen Roman der Poetin Laura Kasischke entwirft er die Adoleszenz eines Next-Door-Girls (Shootingstar Shailene Woodley wieder so stark wie in „The Spectacular Now“ und „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“). Der rehäugige Paradiesvogel durchlebt als einzige wirklich sympathische Figur ein wechselvolles Coming of Age voller Enttäuschungen, bis sie die verlogene Welt ihrer Jugend hinter sich lässt.

Superber Schmelz einer Hochglanz-Hommage

Ehe und Heim ihrer Eltern sind nach außen hin makellos, dahinter verbirgt sich eine unangenehm dysfunktionale Familie und eine ebensolche Pubertät: Der lethargische Vater und die widerlich biestige Mutter (Eva Green, „The Salvation“, wie eine sexuell offensive Liz Taylor) sind eine Hölle für sich, bis die krank eifersüchtige Erzeugerin fort ist – Ehebruchgerüchte und ein Herumspuken in Kats Unterbewusstsein sind die Folge.

Araki gelingt es, all das Trashig-Überkandidelte, das Vorgängerwerke wie „Kaboom“ auszeichnete, zu eliminieren. Eingepackt in den superben Schmelz einer Hochglanz-Hommage an die Kultur der 80er, bringt er die wehmütige Geschichte einer großen Ernüchterung an, von sexuellen Experimenten und einem Abschied von Geborgenheit und Unschuld, eine Selbstsuche zwischen Glück und Unglück, Freiheit und Abhängigkeit.

Gibt allem Wichtigen Raum und Ruhe

In perfektem Zuschnitt gibt er allem Wichtigen Raum und Ruhe, beobachtet umfassend mit feiner Sensibilität für seelische Stimmungen, geistige Verfassungen und Unsicherheiten. Er setzt ein Mosaik zusammen, in dessen Hintergrund die klasse Musik die Fäden eines Mysteriums zieht, das im Rückblick stets die Schwelle zum Erwachsenwerden umgibt, mit einer Auflösung, die Vergangenes wie verlorene Menschen neu bewertet.

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