#Zeitgeist

Jason Reitmans zeitdiagnostische Ensemble-Dramödie wird zum generationenübergreifenden Sittenbild eines Dutzends Vorstadtamerikaner.

#Zeitgeist Cover

Men, Women & Children, Jason Reitman, USA 2014
Kinostart: 11.12.2014, DVD/BD-Start: 30.04.2015
Story: Tim hat das Highschool-Football-Team quittiert, spielt Online-Games und beginnt eine Beziehung mit Mitschülerin Brandy, was deren hyper-protektive Mutter via Totalüberwachung verhindert. Andere Schüler sind ruhm- oder magersüchtig, Väter sexuell frustriert, Mütter auf der Suche nach einem Lover.
Von Caroline Lin

Sein hinreißend melodramatischer „Labor Day“ war nur ein Exkurs in klassische Fach. Der Regisseur von „Juno“ und „Up in the Air“ nimmt sich wieder kulturkritisch den Zeitgeist vor, als mehrere nahtlos miteinander verwobene Fallstudien über die Porno-Gesellschaft, über Eltern und Teeniekinder, die essgestört, pornogeschädigt, onlinespielsüchtig, sms-wütig oder sonst irgendwie pathologisch verhaltensauffällig sind.

Anders als im katastrophalen Alles-Böse-kommt-vom-Internet-Thriller „Disconnect“ versinkt Reitman in einen nachdenklich-melancholischen Ton, der Einsamkeit und (Sex)Sehnsüchten Ausdruck verleiht und nicht nur narrativ wie „L.A. Crash“ strukturiert ist. Prominenz wie Adam Sandler oder Jennifer Garner sind oversexed & underfucked, haben Angst vor der Wirklichkeit und sabotieren realen Kontakt eher als dass sie ihn fördern.

Ironisiert alltägliche Nichtigkeiten

Statt eines überdrehten „Don Jon“ entsteht ein Panorama der Gehemmten, das egozentrische Treiben einer Menschheit, die kein einziges Mal den Blick zum Sternenhimmel hebt. Diese kosmische Perspektive stellt Reitman ihrem neurotischem Um-sich-selbst-Kreisen gegenüber, mit dem wiederkehrenden Motiv der lautlos durchs All rasenden Voyager-Sonde. Das ironisiert die alltäglichen Nichtigkeiten von Youporn bis Talentträumen.

Nur zwischen Tim, der auf Football verzichtet, Carl Sagan zitiert und sich zart Brandy annähert, entfaltet sich eine Romanze, von den beiden fabelhaften Jungmimen Ansel Elgort („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) und Kaitlyn Dever („The Spectacular Now“) als emotionales Zentrum gestaltet. Wie ihre Eltern beider Glück und Existenz beinahe ruinieren, ist jedoch Teil dieser Suche nach dem richtigen Leben im falschen.

Auf Relevanz versessene Message

Damit steht der Erbärmlichkeit unserer Selbstzentriertheit eine auf Relevanz versessene Message gegenüber, die ihren langwierig-zähen Moralweg geht. Der folgt Verunsicherten, die kaum ein offenes Wort miteinander reden können und für ihre Sünden bezahlen müssen: Man kann auch zu viel Verständnis für seine Figuren zeigen. Dann scheint unter der für US-Verhältnisse üppigen Gewagtheit verkrampfte Puritaner-Mentalität durch.

Letztendlich sind wir dem Universum egal. Und dieser Film auch.

Ein Gedanke zu „#Zeitgeist“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *