Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Betrachtungen der Spezies (Allzu)Mensch: Roy Anderssons surreale Tragikomödie über das Scheitern ist ganz großes Kunstkino.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach Cover

En duva satt på en gren och funderade på tillvaron, aka A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence, Roy Andersson, S/D/N/F 2014
Kinostart: 01.01.2015
Story: Die deprimierten Sam und Jonathan sind Vertreter für Scherzartikel, mit denen sie helfen wollen, Spaß zu haben. Aber keiner der kummervollen Göteborger Kunden hat daran Interesse und die beiden Pechvögel stecken tief in den Schulden. Derweil geht selbst König Karl der XII. vor die Hunde.
Von Thorsten Krüger

Der Gewinner des Goldenen Löwen verkauft philosophische Scherzartikel, bezahlt sie mit Küssen und tritt Lachsäcke tot: Der finale Teil von Anderssons Trilogie über das Menschsein schließt nach dem schwächeren „Das jüngste Gewitter“ wieder an die kuriose Klasse von „Songs from the Second Floor“ an und entwickelt wie dieser Geniestreich eine Stimmung, die einen nicht mehr los lässt. Und hin und wieder gurrt eine Taube.

Wieder hat der nunmehr über 70-Jährige Schwede eins seiner (viel zu seltenen) Unikate angefertigt, eine absurd-existentielle Meditation über das (Un)Wesen des Menschen und seine Fehler. In den mit unbewegter Kamera in je einer Einstellung absolvierten, lakonischen Sketchen dominieren Missverständnisse, Missgeschicke, Scheitern und Erfolglosigkeit, Verzweiflung und Kläglichkeit. Aber in diesem Kummer steckt herzige Anmut.

Zeitlos, reglos, nahegehend

Es sind bleiche Menschen in pastellgrauen Stillleben vornehmlich aus Interieurs, die in meisterhaft minutiösen, mitunter monatelang präparierten Plansequenzen absurdes Theater spielen. So kumuliert sich Tableau um Tableau, zeitlos, reglos, aber nahegehend. Der Chor aus Hinke-Lottas Kneipe (Melodie: Glory Glory Hallelujah) fällt rührend aus. Andersson beherrscht eben nicht nur die Kunst des negativen Denkens.

Auch der Schwedische König, der mit Gefolgschaft in eine Bar einreitet (zu Mineralwasser und Lustknabe), kehrt später mit den Resten seines geschlagenen Heeres zurück, von Frauenschluchzern flankiert. Und dann ist auch noch die Toilette besetzt! Das Gemäldehafte nach Art von Otto Dix verbindet sich mit Trivialismus, durch den die zwei Vertreter, fahle Knittergesichter, führen – wie alle anderen: Zombies in Zeitlupe.

Klagen skurril Verirrter

„Es freut mich, dass es dir gut geht“: Das ist einer der Running Gags, ein oft wiederholter nichtssagender Satz, der mit verschmitzter Lethargie das Komische in letzten Mahlzeiten und letzten Handtaschen findet. Diesmal entdeckt Andersson aber auch die Grausamkeit des Menschen, am Tierexperiment eines gemarterten Affen oder der Phantasmagorie einer riesigen Kupferorgel, die Sklavenschreie in liebliche Musik verwandelt.

Aus den Kraftwerken des Leids, seiner permanenten Doppeldeutigkeit und den vielsagenden Anspielungen der ausgetüftelten Einzel-Vignetten ergibt sich das große Bild einer Menschheit in all ihrer traurigen wie kauzigen Absurdität. So hätte es Reitmans „#Zeitgeist“ wohl gerne auf den Punkt gebracht – mit kunstvollem Klagen dieser skurril Verirrten zum Nachsinnen über Gott und die Welt anregen und darüber das Gemüt bewegen.

Ein Gedanke zu „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“

  1. Gestern gesehen, hatte nach dem Trailer mehr erhofft. Fand den Film eher langweilig. Jede einzelne Szene auf Youtube wäre ok 🙂 Als geballte Ladung überzeugt mich das nicht. Ach Mensch!

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