Interstellar

Universe of Love: Christopher Nolans kühnes Sci-Fi-Epos um die Rettung der Menschheit ist der Film des Jahres.

Interstellar Cover

Christopher Nolan, USA/GB 2014
Kinostart: 06.11.2014, DVD/BD-Start: 31.03.2015
Story: Auf einer dem Untergang geweihten Erde entdeckt Ex-NASA-Pilot und Farmersvater Cooper ein Geheimprojekt der Weltraumbehörde, die ihn für einen verzweifelten Versuch anwirbt, mit einer Wurmloch-Mission einen fremden Planeten zur Besiedlung zu finden. Dafür muss Cooper seine Tochter Murphy verlassen.
Von Thorsten Krüger

Im Kern handelt Nolans starbesetzter Autorenfilm im Blockbusterformat vom Überlebensinstinkt und anderen Wesenszügen der menschlichen Natur. In der sich im Science-Fiction-Gewand von „2001 – Odyssee im Weltraum“ kleidenden spirituellen Fantasy-Zeitreise to infinity and beyond verkündet eine epochale, mehr als alle Nolan-Erfolge zuvor emotional überwältigenden Symphonie: Liebe hält unser Universum zusammen.

Nach „Inception“ scheint der 44-jährige Brite seine Imaginationskraft, Kunstfertigkeit, Erzähltechnik und Witz noch einmal um eine Stufe gesteigert zu haben. Basierend auf dem Drehbuch seines Bruders Jonathan löst er die Geheimnisse des Kosmos‘, die sich als Geheimnisse der Menschheit herausstellen und das im Verbund mit einer nahegehenden Vater-Tochter-Beziehung, womit sich Forscher mehr denn je über Gefühle definieren.

Ein sterbender Planet

Hans Zimmers großartig die Emotionen erschaudern lassender Score trägt das oft pessimistisch wirkende Szenario, in dem der Optimismus tatsächlich den längeren Atem beweist, was sich an den wortgewandten, humorvoll ausgefeilten Dialogen erahnen lässt – neben dem Faible fürs Sentiment sind die schlagfertigen Pointen das zweite atypische Merkmal eines ernsthaften, aber ungemein unterhaltsamen Zukunftsentwurfs.

Darin zeigt sich das amerikanische Herzland als ein Dust Bowl analog zur Großen Depression, ein von destruktiven Staubstürmen heimgesuchter, sterbender Planet, der sich von allen wissenschaftlichen Träumen und Bildung verabschiedet hat und die Schullehrmeinung vertritt, dass die Mondlandung nur ein Schwindel war. Einer der es besser weiß, ist Ingenieur Cooper, der wie alle Menschen als Farmer gegen den Welthunger ackert.

Pionier-Geist der Apollo-Tage

Matthew McConaughey („Mud“) spielt ihn als Vater, wie man ihn sich wünscht, der – wie der Film – den Pionier-Geist der Apollo-Tage wiederbelebt und seine 10-jährige Tochter Murphy damit begeistert (toll: Mackenzie Foy). Da aber die letzten Menschen, die verhungern, die ersten sein werden, die ersticken, muss er sie, Sohn und Vater verlassen, um sie zu retten. Ein Versprechen, auf das Murphy ein Leben lang warten muss.

Denn als Pilot wird er mit der Tochter eines NASA-Physikers (Anne Hathaway, „Les Misérables“) durch ein vermutlich von Aliens am Saturn platziertes Wurmloch in eine andere Galaxis reisen, dort drei Planeten auf Eignung für eine Kolonisierung prüfen und dabei einige monströse Wahrheiten sowohl über die Mission wie auch die Menschen lernen, Selbsterhaltungstrieb, Opferbereitschaft und Im-Stich-lassen erfahren.

Gegen das Erlöschen des Lichts rasen

Wo Stanley Kubrick seine Rätsel offen ließ, fügt Nolan jedes Mysterium und Detail zu einem großen Sinn-Ganzen zusammen, wofür er den Plot unterordnet und nicht immer Science, sondern oft reine Fiction nutzt, wenn auch unauffällig und außerdem verstärkt durch atemberaubende Bilder. Wenn er gegen das Erlöschen des Lichts rast, sind alle physikalischen Ungereimtheiten vergessen und ein endloses Staunen ergreift einen.

Ob Ambient-Stillleben vom Saturn, die Sphären-Architektur eines Wurmlochs, Big-Wave-Surfen, ein bizarrer Gletscherplanet oder lodernde Ränder eines Schwarzen Lochs – die Entdeckungslust ist grenzenlos, ohne zur Spektakelsucht zu verkommen. Und sie ist lebensgefährlich. Die Realität der Relativität kostet in Stunden Jahrzehnte: Die Geschichte der eigenen Kinder im Schnelldurchlauf zu sehen, ist bestürzender als jeder Spezialeffekt.

Furios aufgezogene Thrillersequenzen

In mehreren furios aufgezogenen Thrillersequenzen stellt sich der fesselnde Effekt ein, den der Meilenstein „Gravity“ vergangenes Jahr erzeugte – das Gefühl, im Orbit sterben zu müssen und nur mit knapper Not mit dem Leben davonzukommen. Dafür braucht es einen Draufgänger-Piloten wie in „Der Stoff aus dem die Helden sind“, was sich in einem Ausflug in die fünfte Dimension zu einer rührenden Geistergeschichte fügt.

In Kooperation mit zwei witzigen, wie wandelnde Getränkeautomaten designten KI-Robotern (nicht sie sind gefährlich, sondern einzig die egoistischen Menschen) gelingt ein mehr als ein Jahrhundert umspannendes Epos mit einigen Protagonisten, was doch ganz berückend darauf fokussiert, wie man Versprechen für Angehörige und jene für künftige Generationen erfüllt, wenn irgendwo im All ein Mädchen auf dich wartet.

Trailer

Featurette

7 Gedanken zu „Interstellar“

  1. Endlich, endlich im Kino noch gesehen. Zwei Stunden später immer noch überwältigt. Hätte ich je geraucht, würde ich mir nun auf dem nächtlichen Balkon eine Kippe anzünden.

  2. Großartig. Ich fand den Trailer doch sehr arg nichtssagend und hatte etwas Angst, dass Nolan seinen Ruf nicht aufrechterhalten kann und wir vllt. mal eine Pleite erleben. Aber das macht doch Mut. 🙂

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