Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

Nicole Kidman überzeugt ungeschminkt in einem häuslich-privaten „Memento“-Psychothriller, in dem Wahrheit schmerzt und Lüge tötet.

Ich. Darf. Nicht. Schlafen. Cover

Before I Go to Sleep, Rowan Joffe, GB/F/S 2014
Kinostart: 13.11.2014, DVD/BD-Start:26.03.2015, DVD/BD-Start: 26.03.2015
Story: Jeden morgen erwacht Christine und hat den Tag zuvor vergessen. Stets ist sie schockiert, wenn ihr Ben erklärt, dass sie kein Single Mitte 20, sondern 40 ist und mit ihm seit 14 Jahren verheiratet. Dann ruft ihr Therapeut Dr. Nash an und erinnert sie an ihr heimliches Videotagebuch, das Ben als Lügner entlarvt.
Von Gnaghi

Die von Ridley Scott produzierte Adaption des namensgleichen britischen Thrillerbestsellers (von Steve Watson 2011 verfasst), besucht Christopher Nolans „Memento“-Terrain wie eine unaufdringlich-bedachte, dunkle Ausgabe der Konzept-Komödie „50 erste Dates“. In perfekter Rhythmik enthüllt Rowan Joffe viele kleine und schließlich einen heftigen Twist, was die Identitäts-Mystery zum abgründigen Psychothriller zuspitzt.

Nach seinem Noir „Brighton Rock“ und dem Script zu „The American“ geht es Joffe wieder darum, wem man vertrauen kann. Das Mittel der retrograden Amnesie, eine Frau ohne Kurzzeitgedächtnis, setzt er in einer geerdeten, „Murmeltier“-Filmarchitektur ein, von einer Make-Up-freien Nicole Kidman ganz ungekünstelt geschultert. Wie zuvor im bewegenden „Railway Man“ ist sie mit Colin Firth verheiratet, der sie treu umsorgt.

Ängstlich wie eine Demenz-Patientin

Innerlich Mitte 20, äußerlich 40. Sich im Spiegel zu betrachten kommt als existenzieller Schock – sie glaubt, das ganze Leben läge noch vor ihr, dabei ist es schon halb vorüber. Ängstlich tastet sie sich wie eine Demenz-Patientin durch ihre Umgebung. Ein Videotagebuch, begonnen auf Anraten von Dr. Nash (Mark Strong, „Mindscape“) und versteckt vor ihrem Mann, startet einen Paranoia-Thriller: Jemand hat versucht, sie zu töten.

Stück um Stück Wahrheit enthüllt Joffes Script bündig, legt falsche Fährten und unterminiert das Vertrauen in sich und andere: Alle Charaktere sind ambivalent, was ein geniales Wechselbad der Gefühle bedingt, zwischen den Polen Schutz, Liebe, Fürsorge und Missbrauch, Schuld und kaltem Kalkül. Als Christine heimlich Zusammenhänge entdeckt, findet sie viel Leid vor – soll man es wissen oder ist es besser, man ahnt nichts davon?

Sich sein Leben zurückholen

Ist Lüge Schutz und Wahrheit Schmerz? Diese Fragen oszillieren in den von jeder neuen Information veränderten Verstrickungen um die alles entscheidende Schicksalsnacht. In dem cleveren, genuinen Alptraum um das, was ein Paar eint und trennt, holt sich eine Frau ihr Leben zurück, das ahnungslos einem Psychopathen ausgeliefert war. Schwachpunkt ist da nur die mäßige Musik, die das rührselige Melodrama-Ende beinahe ruiniert.

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