The Frame

Unabhängige urbane Phantastik-Vision, die metaphysisch schaurig und herzergreifend humanistisch Fiktion in Existenz verwandelt

The Frame Cover

Jamin Winans, USA 2014
ohne deutschen Start
Story: Die engagierte Sanitäterin Sam rettet Leben, flieht vor ihrer Vergangenheit und verfolgt eine TV-Serie um Dieb Alex im Dienste eines gefährlichen Kartells. Bis sich beide durch den Fernseher gegenseitig sehen, den jeweils anderen für fiktiv halten und Sam begreift, dass Alex im Staffelfinale sterben soll.
Von Sir Real

Schon länger träumt der Indie-Regisseur Jamin Winans nur von ihrem Budget begrenzte, talentierte städtische Mystery-Fantasien mit SciFi-Touch („11:59“ und vor allem „Ink“). Ambitionierter denn je arrangiert er eine schlaue und trotz kleinem Budget auch effekttechnisch suberbe doppelte „Truman Show“, in der sich zwei einsame Seelenverwandte gegenseitig vor der „Final Destination“, ihrem geplanten Tod, zu retten versuchen.

Bevor sich das Existenzielle von „Schräger als Fiktion“ mit der Psychoparanoia eines „The Adjustment Bureau“ vereint, werden beide Protagonisten – die Latinos David Carranza und Tiffany Mualem – in der schummrig-körnigen Billigoptik ihrer stereotypen Welten vorstellig, wie man es aus preiswerten Vorabendserien kennt, die durch das Wirken einer Schicksalsmacht aber überhöht werden und tragische Tiefe statt Camp entwickeln.

Durch die Augen Gottes schauen

Unentscheidbar halten beide ihre Hyperrealität für die (wahre) Realität, womit Winans geschickt danach fragt, welche Seite des Fernsehers denn nun die Wirklichkeit ist. Beide versuchen aus ihrer Dunkelheit zu entkommen, Erlösung und Vergebung zu finden, was ein übernatürliches, finsteres Dämonenwesen zu vereiteln gedenkt. Durch einen Riss in der Realität erkennen sie sich nicht nur, sie schauen glatt durch die Augen Gottes.

Zwei fiktive Figuren stellen damit die Gottesfrage, die nach Determination, Freiheit und Individualität: Sie wollen ausbrechen, der mysteriöse Drehbuchautor in einem Kontrollraum wie von Terry Gilliam entworfen aber will den Tod von Alex durch dessen „Breaking Bad“-Gang. Dieses Fatum zu verhindern und in die eigenen Hände zu nehmen brütet eine intensive, bedrückende Moll-Stimmung aus und vibriert vor Suspense.

Berührt, ohne sentimental zu werden

„The Frame“ ist zwar weniger enigmatisch-kunstvoll als „Enemy“, teilt aber einiges mit ihm. Der Wettlauf um beider Leben mit einer bösartig ihr Ende herbeischreibenden Maschine ist ein Alptraum, der die Realität wie in „Dark City“ formt. Dies hat etwas Grundunheimliches, die zurückhaltenden Effekte sind dabei so tadellos wie die erhebende Musik (von Winans selbst komponiert). Es berührt, ohne sentimental zu werden.

Eine Vereinigung des Romeo-und-Julia-Paares wie in „Upside Down“ scheint unmöglich. Wenn Alex durch eine leere „Open Your Eyes“-Welt läuft, hat Winans zwar nicht ganz so viele Finessen parat. Wie man seinem Schicksal entflieht, wenn unsichtbare Membranen einen einkerkern – der titelgebende Rahmen -, wie Imagination und Emotion den tödlichen Determinismus besiegen, ist ein (Film)Wunder, das alle Beachtung verdient.

2 Gedanken zu „The Frame“

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