Still Alice

Das Leben von Schmetterlingen: Julianne Moore im schmerzvoll-bewegenden Kampf gegen den Verlust ihres Denkvermögens

Still Alice Cover

Richard Glatzer, Wash Westmoreland, USA 2014
Kinostart: 05.03.2015, DVD/BD-Start: 16.07.2015
Story: Die New Yorker Linguistikprofessorin Alice Howland, glücklich verheiratet und Mutter dreier erwachsener Kinder, erhält mit nur 40 Jahren die Diagnose Alzheimer. Ihr Mann hält zu Alice, deren rasch fortschreitende Krankheit sie unerbittlich aus ihrem Leben drängt und Konflikte mit Tochter Lydia anheizt.
Von Max Renn

Nachdem der neurodegenerative Gedächtnisfresser Alzheimer mehrfach in Genregarn aufgetaucht war – vom belgischen „Mörder ohne Erinnerung“ über die ScFi-Werke „Robot & Frank“ und „Planet der Affen: Prevolution“ sowie jüngst im Indie-Schocker „The Taking of Deborah Logan“ -, steht nun ein klassisches Krankheitsdrama an, gewiss auch ein sanfter, herzzerbrechender Horrorfilm mit einer großartigen Julianne Moore.

Ihre Aufregung und Angst vor den kleinen Demenzanfällen, die sich zur erschütternden Diagnose Alzheimer in einem ungewöhnlich frühen Fall verdichten, sind unbeschreiblich. Wie eine Koryphäe auf geisteswissenschaftlichem Gebiet ihren Intellekt verliert, über den sie sich definiert hat, ihr langsamer Rückzug aus Beruf, Alltag und Leben zum einnässenden Pflegefall ist ein Bravourstück der Schauspielerin („Maps to the Stars“);

Kampf, Teil dessen zu bleiben, was sie einmal war

aber auch des Regie-Duos („The Last of Robin Hood“), das ablenkungsfrei und unaufgeregt ein elegisch-tragisches Familiendrama erzählt, unauffällig und ohne etwas auszuwalzen. Aufmerksam und unsentimental raffen sie den Verfall einer erfolgreichen Frau, die auf verlorenem Posten darum kämpft, Teil dessen zu bleiben, was sie einmal war, mit allen negativen emotionalen Folgen, die vor allem auf die Angehörigen durchschlagen.

Glatzer und Westmoreland gehen andere Wege als Sarah Polleys intim-poetischer „An ihrer Seite“. Sie raffen gute und schlechte Tage zu einer sensibel-traurigen Belastungs-Chronik, in der Veteran Alec Baldwin („Blue Jasmine“) als still unterstützender Gatte beeindruckt. Auch Kristen Stewart, seit der „Twilight“-Reihe nur noch in Anspruchsvollem zugegen („Die Wolken von Sils Maria“, „Camp X-Ray“), bleibt unaufdringlich.

I wish I had cancer. I wouldn’t feel so ashamed

Als rebellische Tochter konfligiert sie zunächst heftig mit ihrer Erzeugerin, kehrt aber später helfend und versöhnend heim. Wie Alice’s Mann versucht sie die Zeit zu nutzen, die ihnen noch bewusst bleibt. Wartet man anfangs nervös auf die nächste Vergesslichkeits-Attacke, zittert man dann, dass ihre Erinnerungen endgültig verblassen. Weshalb sich Alice rasch eine Videoanleitung für einen späteren Tabletten-Suizid aufnimmt.

„I wish I had cancer. I wouldn’t feel so ashamed“: Dem wirkt „Stil Alice“ entgegen, indem eine stockend abgelesene, bewegende Rede vor dem Alzheimer-Kongress ein Höhepunkt, aber keineswegs zum Pamphlet wird. Man muss immer mitdenken, wie katastrophal deutsche Filme da im jammervollen Besorgnistal bruchlanden, als Exempel möge „Nebenwege“ dienen. Dieser „Engel in Amerika“ hingegen ist gut. Schmerzvoll gut.

http://www.youtube.com/watch?v=o1bNbGFLAz8

2 Gedanken zu „Still Alice“

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