Warschau 44 – Liebe. Widerstand. Apokalypse.

Ein heiliges Liebespaar in den Wirren eines emotional schockierenden, überhöhten Kriegsdramas um den Warschauer Aufstand 1944

City 44 Cover

Miasto 44, aka City 44 , Jan Komasa, PL 2014, DVD/BD-Start: 03.07.2015
Story: Stefan lebt in Warschau, das unter brutaler deutscher Besatzungsherrschaft steht. Im Sommer 1944 schließt er sich der Polnischen Heimatarmee an, die am 1. August ihren Aufstand gegen die Wehrmacht beginnt, von den Russen im Stich gelassen. Mit Ala versucht er das Gemetzel zu überleben.
Von Sir Real

Der Posener Jan Komasa schiebt nach seiner Doku „Warsaw Uprising“ ebenfalls 2014 die faktentreue Fiktion „City 44“ über den Warschauer Aufstand im August 1944 nach (nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto 1943). Sein selbst geschriebenes Kriegsdrama ist das Äquivalent einer Splittergranate, die direkt vor einem krepiert und deren Schockwelle einen körperlich wie emotional mächtig umwirft.

„City 44“ bestätigt, dass Kriegsfilme mit Jugendlichen nicht zum Teenie-Trash à la „Tomorrow, When the War Began“ verkommen müssen – sie können auch einer erschütternden Hochglanz-Ausgabe von „Komm und sieh“ im Actionstil eines „Der Soldat James Ryan“ gleichen. Ganz ähnlich Wojciech Smarzowskis verheerender (Nach)Kriegsgräuelerfahrung „Roza“ von 2011 folgt Komasa einer traumareichen Schock-Dramaturgie.

Katholische Heiligen-Elegie

Nur geht er deutlich moderner zu Werke: mit einem überhöhten Jugend-Lebensgefühl, das jede Chance auf Ausgelassenheit nutzt, was er meist neutral, aber auch schon mal als hyperrealistischen Zeitlupen-Videoclip-Kuss zeigt. „City 44“ traut sich ästhetisch einiges zu, wenn er im Grunde eine Liebesgeschichte mit zwei expressiv stummen Heiligenfiguren erzählt, in den Wirren eines gnadenlosen Krieges, der eine Stadt zertrümmert.

Jesus weinte: Die beiden charismatischen Jungmimen Józef Pawlowski („Jack Strong“) als Stefan und Zofia Wichlacz („Once My Mother“) als Alicja (genannt: Marienkäfer) sind ein Liebespaar wie aus einer katholischen Heiligen-Elegie, die zu elektronischen E-Gitarren viele Tränen vergießen, die aber auch so groß sündigen wie jeder im Krieg, oder zumindest in Versuchung kommen, wenn sie nicht vergebliche heroische Taten vollbringen.

Ungefilterte Horrorerfahrung

Denn Komasa setzt sein A-Budget nicht für stumpf-nationalistischen Bombast wie die ärgerliche russische Prestigeproduktion „Stalingrad“ ein – er übersetzt die Finanzen in cineastische Klasse. In nach Warschauer Stadtteilen benannten Episoden und Stationen wird die Dramaturgie von Angriffen, Kämpfen und Fluchten bestimmt, eine Hölle, durch die zwei bisweilen gar übersinnlich-dämonische Engel desorientiert taumeln.

Beide retten sich das Leben, verlieren sich aus den Augen und finden sich wieder, verstört von einem Overkill des Leids, der es in sich hat: Stefan sieht, wie seine Mutter und der geliebte kleine Bruder exekutiert werden, Ala erlebt einen Blutregen aus Körperteilen und entkommt einigen Massakern – „City 44“ macht keine Gefangenen oder blendet schonend aus. Die Horrorerfahrung ist ungefiltert und von wirkechter Eindringlichkeit.

Zwei Engel taumeln durch die Hölle

Das ausdrucksstarke Duo, kurzfristig zum Liebesdreieck erweitert, überlebt irgendwie alles, wird Zeuge, wie in jeder freien Minute eine ungerüstete Armee von Jugendlichen die Zeit auslebt, die ihnen bleibt, bis das finstere Märchen in eine apokalyptische Nacht gipfelt, wo sie von einer Weichsel-Sandbank die Stadt brennen sehen, aus der die heutige Skyline wird – eine Blende so direkt und wuchtig wie diese übermenschliche Tragödie.

imdb ofdb

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