Toni Erdmann

Wo der Spaß aufhört: Das groteske, realsatirische, tragikomische Vater-Tochter-Duell ist ein Glücksgriff fürs (deutsche) Kino

Toni Erdmann Cover

Maren Ade, D/A 2016
Kinostart: 14.07.2016
Story: Nachdem sein geliebter Hund das Zeitliche gesegnet hat, reist Winfried spontan nach Bukarest, um seine Tochter zu besuchen. Die Unternehmensberaterin lässt ihn eiskalt abblitzen, woraufhin Winfried mit Überbiss und Perücke als Toni Erdmann aufkreuzt und ihr unentwegt auf den Pelz rückt.
Von Thorsten Krüger

Der beste Film, der nie die Goldene Palme in Cannes gewann: Nach respektablen Titeln wie „Alle anderen“ deutete wenig daraufhin, dass Maren Ades dritter Film so ein Meisterwerk werden könnte. Aber „Toni Erdmann“ ist ein einmaliger Glücksgriff. Grotesk und tragikomisch entspinnt sich ein 162-minütiges Vater-Tochter-Duell zwischen Alt-68er und Arbeitsplatzvernichterin um (Menschen)Würde, Selbstliebe und Kapitalismus.

Die dokumentarisch anmutende Realsatire erweckt nicht nur wegen ihrer Handkamera einen „uninszenierten“ Eindruck, sondern auch wegen der Horst-Schlämmer-Nummer, die Peter Simonischek („Rubinrot“) mit künstlichem Überbiss als Plagegeist gnadenlos durchzieht. Die Auftritte sind phänomenal – ganz wie „Borat“, nur mit emotionalem Tiefgang. Sein Identitätsspiel mit schlingernden Rollen führt zu bizarren Situationen.

„Borat“ mit Tiefgang

Dieser „Toni Erdmann“ ist ein Troll, ein Kobold, ein Wiedergänger, ein Alter Ego – und einziger Schlüssel zu einer Tochter (Sandra Hüller, „Finsterworld“), die mit ihrem Job verheiratet ist und den Vater subtil, aber brutal auf Distanz hält. Aus einem humanen Nähebedürfnis beginnt dieser missverständliche Scherze mit bösen Folgen, weil alle anderen Kommunikationskanäle versagen und er der Welt nicht anders beikommen kann.

Dann wird enthüllt, was auch Tornatore in „Allen geht’s gut“ fand: Hinter der Fassade herrscht Einsamkeit. Da hört der Spaß auf. Dann stört der Vater nur den Ablauf „Moderner Zeiten“, wo die Zeitdiebe aus „Momo“ das Ruder übernommen haben. Dabei zeichnet Maren Ade die kontemporäre Business-Parallelgesellschaft präziser nach als unzählige Filme zuvor. Sie erreicht das Niveau des galligen „Zeit der Kannibalen“. Mindestens.

Bist du eigentlich noch ein Mensch?

Der Blick auf die unmenschlichen Regeln des Haifisch-Biz und das dazugehörige asoziale Verhalten ist unbestechlich. Die Tochter buckelt servil nach oben, während sie nach unten ihren Vater tritt. Viele Peinlichkeiten entstehen, weil diese Aasgeier einfach ein peinlicher, erbärmlicher Menschenschlag sind. Oft genug steht im Raum: Wer benimmt sich blamabler, wer absurder? Eine bitterböse Sottise unterhalb der Gürtellinie.

Da wirkt „Toni Erdmann“ wie Spyris Alm-Öhi vom Berg, der traurig feststellen muss, dass Heidi ihn vergessen hat. Man kann in ihm ihr personifiziertes schlechtes Gewissen sehen, die Persönlichkeitsfacetten und Lebenslust, die sie unterdrückt. „Bist du eigentlich noch ein Mensch?“ bzw. „du bist ein Tier!“ heißt es über die Tochter treffend, die – gelinde gesagt – gestört und menschlich auf erschreckende Weise verarmt ist.

Elfriede Jelinek, Luis Buñuel, Bret Easton Ellis

Ihre Sexualität erreicht glatt die pathologischen Dimensionen einer Elfriede Jelinek („Die Klavierspielerin“) und die Leere ihrer Geschäftspartner ist bei Bret Easton Ellis („American Psycho“) auch nicht eklatanter. In dieser total entfremdeten, falschen Welt kommen sich Vater und Tochter darüber näher, dass er wie eine Klette an ihr hängt, während sie alle Stacheln ausfährt. Man fragt sich andauernd, welches Spiel der beiden grausamer ist.

Dieser Kampf entwickelt einen therapeutischen Effekt. Wenn es zum Schluss surreal wird – die Nacktparty hätte sich auch ein Luis Buñuel nicht besser ausdenken können – gewinnt die Katharsis Oberhand. Dann testet die Tochter (nur für einen Augenblick) das schräge Gebiss, bleibt aber lieber angepasst, als aus der Rolle zu fallen. Es ist nur eine von vielen über das Leben reflektierender Szenen, die sich lange im Kopf festsetzen.

imdb ofdb

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