Manchester by the Sea

Leise nahegehend: Casey Afflecks authentische Hiobsrolle als gebrochener Mann, der ins Leben zurückfinden muss

Manchester by the Sea Cover

Kenneth Lonergan, USA 2016
Kinostart: 19.01.2017
Story: Der unzugängliche Bostoner Hausmeister Lee soll für seinen just an einem Herzfehler verstorbenen Bruder das Sorgerecht für dessen 16-jährigen Sohn Patrick im Ostküstenstädtchen Manchester übernehmen. Der nach einer Tragödie geschiedene Einzelgänger ist mit der schwierigen Aufgabe überfordert.
Von Thorsten Krüger

Das seit seiner Premiere in Sundance als heimlicher Oscarkandidat gehandelte Drama vom New Yorker Kenneth Lonergan („Margaret“) um Schuld, Trauer und das Zurückfinden ins Leben hat wieder den bedächtigen Fortgang und die reale Lebenswelt seiner Vorgänger sowie den Fokus auf die darstellerischen Leistungen. Für „Manchester by the Sea“ ist Bens Bruder Casey Affleck („Auge um Auge“) eine Nominierung zuzutrauen.

Als von seiner Schuld erdrückter, gebrochener Hiob schleppt er sich durch sein Dasein, was Afflecks gewohnten Hang zum Nuscheln Vorschub leistet. Die in Flashbacks lapidar enthüllte Familientragödie erzielt einen Wirkungstreffer – auch durch den lyrischen Violin-Score. Dazwischen nimmt Lonergan die Buddy-Fügung von Onkel und Neffe, der es faustdick hinter den Ohren hat, mit etwas Humor, vermeidet aber jeden Feel Good.

Der Film droht ein wenig einzudösen

So weit kann „Manchester by the Sea“ überzeugen. Doch trotz Zweieinviertel Stunden Laufzeit verdichtet sich der Plot nie, intensivieren sich weder Misere noch Katharsis, wiederholt sich vieles anstatt aufeinander aufzubauen. Afflecks Figur will nicht reden und kommt mit niemandem zurecht – über dieses Motiv droht der Film ein wenig einzudösen. Die Geschichte ist peinlichst darauf bedacht, Stereotypen gleich welcher Art zu meiden.

Schön und gut – nur erfindet Lonergan dramaturgisch das Rad keineswegs neu. Auch die anderen sehenswerten Schauspieler gehen nur moderat nahe, am meisten Michelle Williams („Blue Valentine“) als Ex-Frau mit Alkohol-Problem. Kyle Chandler („The Wolf of Wall Street“) hat wie die anderen Nebenfiguren zu wenig zu tun. Lonergans selbst verfasste Story ist bemerkenswert lebensecht und leise nahegehend – nicht mehr, nicht weniger.

imdb ofdb

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