Cold Skin

Existenzialistische, anspruchsvolle Abenteuer-Horror-Parabel auf den (unnötigen) Kampf des Menschen gegen die Natur (und damit sich selbst)

Cold Skin Cover

Xavier Gens, E/F 2017
ohne deutschen Start
Story: 1914 gelangt ein junger Wetteroffizier zum Dienst auf eine einsame Felseninsel am südlichen Polarkreis. Sein Vorgänger Gruner ist wahnsinnig geworden – jede Nacht kämpft er gegen amphibische Wesen, die gegen den verbarrikadierten Leuchtturm anrennen. Und das nächste Schiff kommt erst in einem Jahr.
Von Sir Real

Xavier Gens, 2007 durch „Frontière(s)“ Mitinitiator der gallischen Gore-Welle und seitdem mittelmäßiger Genrefabrikant (zuletzt: „The Crucifixion“), versucht sich mit dem existenzialistischen Abenteuerhorror „Cold Skin“, womit er den 2002 erschienenen Roman „La pell freda“ (dt.: „Im Rausch der Stille“) des Katalanen Albert Sánchez Piñol adaptiert. Ein wohltuend anspruchsvolles Unterfangen, das aber nur optisch glänzt.

Von Monstern umzingelt: Der blaugrüne Look, die wolkenverhangene Kälte und die perfekte Location einer vulkanische Mondlandschaft (Drehort war die ungleich wärmere Kanareninsel Lanzarote) entfalten eine atmosphärisch gelungene, raue, einsame Wildnis mitten im Meer. Darauf entspinnt sich ein einjähriger Überlebenskampf, der sich an Melvilles „Moby Dick“ und Poes „Bericht des Arthur Gordon Pym“ orientiert.

Ménage à trois im Herz der Finsternis

Ebenfalls standen Mathesons „I Am Legend“ sowie Lovecrafts maritime Monsterwelt Pate, wenn ein feingeistiger, namenloser Brite (David Oakes) im stachligen Wehrturm des entmenschlichten Robinsons Gruner („Rom“-Titus Ray Stevenson körperlich einschüchternd) einzieht, wo dieser sich Aneris (Aura Garrido), ein grauhäutiges, türkisäugiges, hündisches Amphib als Sexsklavin hält. Eine ménage à trois im Herz der Finsternis.

Oakes‘ Voice Over weist auf die literarische Herkunft von „Cold Skin“ hin, der nicht zufällig kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs angesiedelt ist und ein Gleichnis auf den Menschen als Eindringling in die Natur bietet. Das von Grausamkeit und Mordlust geprägte Verhältnis der Zivilisierten gegenüber den Wilden, der Krieg gegen die Natur (und der Versuch Frieden zu schließen) sind symbolische Triebkräfte des ansonsten mageren Plots.

Themen nur angerissen, nicht vertieft

Gens gelingt nur verhalten Thrill und Intensität, bedingt durch den spürbar kargen Inhalt, aber mehr noch mangelnde charakterliche und emotionale Tiefe. Er kommt den drei Figuren nie wesentlich näher. Das ist so unbefriedigend wie das Buch, dem Gens nichts wegnimmt, aber auch nichts hinzufügt, was jedoch nötig gewesen wäre, um einen zwingenderen Film zu ermöglichen, der eigentlich beste Voraussetzungen mitbringt.

Die Tragik und epische Kraft eines „Der mit dem Wolf tanzt“ liegt in weiter Ferne, die meisten Themen, etwa die Liebe des Erzählers zur Fischfrau oder ihre sexuelle Ausbeutung, werden nur angerissen, aber nicht vertieft. Wichtiger ist „Cold Skin“ schon der Kampf, der Krieg, die Art of War, intellektuell anregend eingebettet in einen Zyklus der Ereignisse, der in maximaler Fremde vermeintliche anthropologische Konstanten vorfindet.

imdb ofdb

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