Archiv der Kategorie: Film

Captain Phillips

Ein beklemmender Nägelbeißer: realistischer Hochseethriller im Dokudrama-Stil um moderne Piraterie mit Tom Hanks auf Oscarkurs.

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Paul Greengrass, USA 2013
Kinostart: 14.11.2013, DVD/BD-Start: 14.03.2014
Story: 2009 überfallen somalische Piraten den amerikanischen Frachter Mearsk Alabama. Dessen Kapitän Phillips und seine unbewaffnete Crew können nicht verhindern, dass die mit Kalaschnikows ausgerüsteten Männer das Schiff entern. Fast überlistet Phillips sie, aber dann flüchten sie und nehmen ihn als Geisel.
Von Thorsten Krüger

Sollten Sie je am Horn von Afrika von somalischen Piraten gekidnappt werden, sorgen Sie dafür, eine Greencard zu besitzen. Denn für US-Staatsbürger eilen die Navy Seals zu Ihrer Rettung. Andere Nationen täten das nicht. So ist es dem Frachtkapitän Richard Phillips vor vier Jahren ergangen und Paul Greengrass hat aus dessen wahrem Horrorerlebnis ein kinetisch-virtuoses Hochspannungswerk geschaffen.

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Inside Wikileaks

Rasanter Politthriller und Diskussionsstoff: die intelligent-packende Insiderstory des Enthüllungsportals Wikileaks setzt Maßstäbe.

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The Fifth Estate, Bill Condon, USA/BE 2013
Kinostart: 31.10.2013, DVD/BD-Start: 03.04.2014
Story: 2007 lernt Informatiker Daniel auf einem Treffen des Chaos Computer Club den Australier Julian Assange kennen. Gemeinsam realisieren sie dessen Idee zu einer Enthüllungswebseite. Als sie nach kleinen Erfolgen 2010 einen Riesen-Coup landen, drängt der egomane Assange seinen Mitstreiter aus dem Projekt.
Von Sir Real

Die Wahrheit? Es gibt nur Versionen. Bill Condon, der nach einigen banalen Beiträgen („Breaking Dawn“) mit Charakterkopf-Ensemble endlich wieder ein heißes Eisen anpackt, ist zu schlau für simplen Sensationismus. Seine Geschichte der Whistleblower-Webseite um den Scoop des Jahrhunderts ist ein ungemein packender Hacker- und Politthriller, der Geheimdienste entlarvt und mit Julian Assange abrechnet.

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Ender’s Game

Nachdenkliches Science-Fiction-Drama, das die falschen Mittel einsetzt und damit seinen großen Ambitionen nicht gerecht wird.

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Gavin Hood, USA 2013
Kinostart: 24.10.2013, DVD/BD-Start: 06.03.2014
Story: Ausbilder Colonel Graff wacht am Monitor über den Werdegang des schmächtigen Ender, der als Kadett auf einer Raumstation für einen riskanten Präventivkrieg gegen außerirdische Invasoren gedrillt wird. Trotz unfairer Bedingungen und bösartigen Konkurrenten setzt sich das strategische Genie durch.
Von Thorsten Krüger

War Games: Gavin Hood („X-Men Origins: Wolverine“) verfilmt Orson Scott Cards im angelsächsischen Raum beliebten SF-Kultroman als Boot-Camp-Drama auf einer Raumstation, in der Kinder zu Killermaschinen abgerichtet werden, um einen galaktischen Krieg gegen eine vermeintlich aggressive Spezies zu gewinnen. Ein etwas schwerfälliger Ethik-Diskurs über Manipulation, Kriegsverbrechen und Militarismus.

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Machete Kills

Ermüdende Ansammlung von Fankurven-Fetisch, oder was Robert Rodriguez dafür hält: Guns, Girls, Gangsters & Gore, stillos angerichtet.

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Robert Rodriguez, USA/RU 2013
Kinostart: 19.12.2013, DVD/BD-Start: 30.04.2014
Story: Undercover-Agent Machete soll im persönlichen Auftrag des US-Präsidenten einen irren mexikanischen Revolutionsführers mit multipler Persönlichkeit aufspüren. Der dient nur als Handlanger des sinistren Waffenhändlers Voz, der die Welt abfackeln und Machete für eine Armee im Orbit klonen will.
Von Jochen Plinganz

Was soll man über einen Film sagen, an dem die Trailer eingangs und ausgangs das Beste sind? Der zweite Auftritt des aus einem solchen Spaß-Reel in „Grindhouse“ geborenen Messer-Mexikaners hätte ein Festmahl werden können, wenn Robert Rodriguez („Sin City“) nicht mit großem Aufwand so lieblos versuchen würde, B-Movies, Gewalt-Trash und DTV-Actiongülle zu imitieren, aber dabei Szene für Szene versagt.

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We Are What We Are

Fine Young Cannibals: Einfühlsames Horrordrama um den Untergang einer Kannibalenfamilie im amerikanischen Hinterland.

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Jim Mickle, USA 2013
DVD/BD-Start: 13.12.2013
Story: Als die Mutter an einem Herzinfarkt jäh verstirbt, stehen ihr Witwer und seine drei Kinder vor dem aus. Wer bringt jetzt das Menschenfleisch auf den Tisch? Iris, die älteste Tochter der zurückgezogenen auf dem Land lebenden Familie, soll übernehmen, doch Nachbarn und Behörden werden misstrauisch.
Von Thorsten Krüger

Das Remake von Jim Mickle, der mit geringstem Budget („Mulberry Street“) auf sich aufmerksam machte, hat kaum mehr etwas mit Jorge Graus gleichnamigen Original von 2010 gemein. Er ersetzt die mexikanische Morbidität, die schwül-schmutzigen Gossen und den nihilistischen Kommentar über urbane Armut durch ein sorgfältiges Arthaus-Hinterland-Drama über den Untergang einer Kannibalensippe.

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Computer Chess

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Andrew Bujalski, USA 2013
Kinostart: 07.11.2013

Einige Computerfreaks treffen sich Anfang der 80er Jahre zu einem Kongress, auf dem sie ein Schachturnier zwischen Mensch und Maschine austragen. Wer jetzt „Big Bang Theory“ mit Technikhumor aus nostalgischer PC-Steinzeit erwartet, kann einpacken. Indie-Filmer Andrew Bujalski („Beeswax“), ein Vertreter des Mumblecore, hat keine Komödie, sondern eine trockene Mockumentary hingelegt. Technisch perfekt vermittelt er den Doku-Anschein eines Amateur-Reports von dem Symposium, authentisch realisiert in Schwarzweiß, Homevideo, 4:3-Format, übersteuertem O-Ton, Rauschen und Nachzieheffekten alter Videotechnik.

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Escape From Tomorrow

Alptraum Disneyworld: Ein Familienvater taumelt im Vergnügungspark durch surrealen Wahn und kryptische Schizo-Fantasien.

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Randy Moore, USA 2013
DVD/BD-Start: 19.03.2015
Story: Den Kündigungsanruf seines Chefs behält Jim für sich, um den letzten Urlaubstag seiner Familie nicht zu verderben. Gemeinsam mit seiner krittelnden Frau Emily und den jungen Kindern Sara und Elliot besucht er die Walt Disney World, wo er zwei jungen Französinnen nachsteigt und Wahnvorstellungen verfällt.
Von Max Renn

„Carnival of Souls“ in Disneyland? Wie Debütant Randy Moore eigene Ideen in Schwarzweißbilder gießt, ganz ohne offizielle Genehmigung der Vergnügungsparks, gebiert ein surreales Mind-Fuck-Movie der bizarren Art. Ist ein Besuch in Disneyland auch so schon ein Horrortrip, taumelt ein Familienvater hier vor halbdokumentarischer Handkamera durch einen wahren Alptraum, der gleichwohl nur bedingt überzeugt.

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Party Invaders

SciFi? Horror? Parabel? Diese denkwürdige und vielschichtige Weltuntergangsparty im Mantel eines Teen-Thrillers ist alles drei. Und mehr.

Plus One Cover

+1 aka Plus One, Dennis Iliadis, USA 2013
DVD/BD-Start: 13.08.2014
Story: David hat versehentlich die falsche geküsst und will die groß angekündigte Privatparty eines Mitschülers nutzen, um sich bei seiner hübschen Freundin Jill zu entschuldigen. Während er gnadenlos abblitzt, erleben er, Teddy und Allison ein elektro-optisches Phänomen, das von allen Gästen Doppelgänger erzeugt.
Von Thorsten Krüger

Strange Days: Eine kleine Entdeckung ist dieses Ensemble-Drama, bei dem Jugendliche eine dekadente Party feiern und sich plötzlich mit mörderischen Doppelgängern konfrontiert sehen. Aus einem mysteriösen Szenario schält sich ein hoch-philosophischer Teen-Thriller, dem „Last House on the Left“-Remaker Dennis Iliadis in dieser wesentlich interessanteren Arbeit ein vielschichtiges Körperfresser-Vexierspiel abgewinnt.

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Jackass: Bad Grandpa

Johnny Knoxville treibt sein Unwesen als Krawallrentner und filmt die Bürgerschreck-Scherze mit versteckter Kamera.

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Bad Grandpa, Jeff Tremaine, USA 2013
Kinostart: 24.10.2013, DVD/BD-Start: 27.02.2014
Story: Just, nachdem endlich seine Frau gestorben ist, bricht Rentner Irving Zisman mit seinem Enkel Billy samt Leiche im Kofferraum auf, um den Knirps bei seinem leiblichen Vater abzuliefern. Eine Fahrt quer durch Amerika, in der vor allem der 86-jährige Sittenstrolch Chaos stiftet und öffentlich Ärger erregt.
Von Thorsten Krüger

Jackass goes Borat: Im sechsten „Jackass“-Auftritt schlüpft Knoxville mittels perfekter Maske in die Haut der aus der MTV-Show bekannten Kunstfigur Irving Zisman, um als Randale-Opa mit Enkel (tolle Entdeckung: Jackson Nicoll, „Fun Size“) Geschmacksgrenzen zu sprengen. So verschmilzt die Masochisten-Stuntshow mit dem „Borat“-Prinzip, um heimlich und wackelkamerafrei Zivilisten-Reaktionen mitzufilmen.

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All Is Lost

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J.C. Chandor, USA 2013
Kinostart: 09.01.2014, DVD/BD-Start: 21.05.2014

Schiffbruch ohne Tiger, CGI, Kunstlicht und Effekthascherei: Robert Redford kollidiert als einsamer Skipper auf seinem Segelboot mitten im Indischen Ozean mit einem treibenden Schiffscontainer (voller Turnschuhe) – der Beginn einer zunehmend absurden Pechsträhne, an deren Ende er als Schiffbrüchiger auf einer Rettungsinsel treibt. „Margin Call“-Regisseur J. C. Chandor entwickelt sehr realistisch, subtil und nüchtern eher eine Ein-Mann-Charakter- und Verhaltensstudie, als einen dauerhaft involvierenden Survival-Thriller.

Der alte Mann und das Meer

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King Ping

Konfuses Genre-Potpourri, das sich in coole Posen der Ruhrpott-Subkultur wirft, die Narration aber links liegen lässt.

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Claude Giffel, D 2013
Kinostart: 31.10.2013, DVD/BD-Start: 30.04.2014
Story: Der Pinguinpfleger und suspendierte Cop Frowein, genannt King, ermittelt auf eigene Faust, wieso ein Kollege nach einer Zechnacht mit Genickbruch an einer Wuppertaler Treppe liegt. Mit einer privaten Soko entdeckt er eine Rachemordserie, die weit in die Vergangenheit zu einer vergessenen Sekte führt.
Von Thorsten Krüger

Das Crowdfundingprojekt mit Ärzte-Mitglied Bela B. als singende Tunte und Christoph Maria Herbst als Reporter-Schmeißfliege ist ein Paradabeispiel für Style Over Substance. In satten Schwarzwerten breitet sich ein Ruhrpott-Noir aus, der glaubt, wenn er nur wild die Genres mixt und sich dabei in furchtbar coole Posen wirft, wäre er ein Kultkandidat wie seine Vorbilder „Pulp Fiction“ und die Edgar Wallace Krimis.

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Leviathan

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Lucien Castaing-Taylor, Verena Paravel, FR/GB/USA 2012
Kinostart: 23.05.2013

Eigentlich ist „Leviathan“ eine Dokumentation über die Arbeit auf einem Hochseefischerkutter im Nordatlantik. Tatsächlich aber hat das Duo Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel in alleiniger Abwicklung einen Experimentalfilm geschaffen, bei dem Industrie und Natur kollidieren und damit abstrakte Avantgarde erzeugen. Das geht dermaßen in die Extreme, als hätte Gaspar Noé nach Dogma-Regeln im Bauch eines Wals gedreht.

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Lone Ranger

Wild, Wild West: Gore Verbinski schwankt zwischen Western-Spektakel und Kritik am US-Genozid an den Indianern.

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The Lone Ranger, Gore Verbinski, USA 2013
Kinostart: 08.08.2013 DVD/BD-Start: 05.12.2013
Story: Der kurzfristig zum Ranger ernannter Staatsanwalt John Reid liegt nach einem Hinterhalt schwer verletzt im Sterben und will, wiedererweckt durch den einsam-verrückten Komantschenkrieger Tonto, seinen Bruder rächen. Auf dem Gewissen hat ihn Psychopath Cavendish, der für einen Eisenbahn-Tycoon mordet.
Von Thorsten Krüger

Entgegen mancher Unkenrufe ist die sündteure Disney-Extravaganz des „Pirates of the Caribbean“-Teams Bruckheimer/Verbinski/Depp kein hirntoter 250-Millionen-Flop wie „John Carter“, sondern Deluxe-Entertainment, das seinen Anspruch hinter Buddykomik und Effektschlacht verbirgt. Die mythische Rächer-Fabel nach einer bei uns nahezu unbekannten Serien-Figur siedelt nicht immer stimmig zwischen Komödie und Tragödie.

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Lunchbox

Ein kleines melancholisches Kinowunder: tiefromantisches, zartbitteres Großstadt-Melodram um zwei Menschen in der Menge.

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The Lunchbox, Ritesh Batra, IN/FR/D 2013
Kinostart: 21.11.2013, DVD/BD-Start: 22.05.2014
Story: Die von ihrem Gatten vernachlässigte Hausfrau Ila aus Mumbai schickt ihm per Dabbawalla-Kurier phänomenales Essen – das durch einen Fehler beim kurz vor der Rente stehenden Versicherungssachbearbeiter Saajan ankommt und eine Brieffreundschaft initiiert, die zwei einsame Seelen einander näher bringt.
Von Caroline Lin

Zunächst wirkt das Spielfilmdebüt des Inders Ritesh Batra mit dem glanzlosen Grau einer Arbeits-Doku über Bürotröten spärlich unterhaltsam. Aber dahinter steckt System: Aus dem eintönigen Alltagseinerlei, das einer lakonischen Komödie Vorschub leistet, erwächst die Sehnsucht nach dem Glück, das sich für so viele in der Millionenmetropole Mumbai nicht erfüllt.

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Der Stern von Afrika

Zeit zu leben und Zeit zu sterben: nachdenkliches Helden-Kriegsdrama über den höchstdekorierten Jagdflieger des Afrikakorps.

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aka: Hauptmann Marseille, Alfred Weidenmann, BRD 1957
Auf DVD erhältlich
Story: Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, muss der gerade 20-jährige Hans-Joachim „Jochen“ Marseille mit seinen Kameraden als Jagdflieger an die Front. In Nordafrika bricht das disziplinlose Fliegertalent alle Abschussrekorde und wird zum Propagandahelden. Als er sich in Brigitte verliebt, wacht er auf.
Von Thorsten Krüger

Soldaten- und Kriegsfilm, der dem deutschen Flieger-Ass Hans-Joachim Marseille, genannt Stern von Afrika, ein Denkmal setzt: 1957 hat ihn Alfred Weidenmann auf der Höhe seiner Kunst in eindringlichen Schwarzweißbildern inszeniert, in die er fugenlos Originalmaterial aus dem Weltkriegsgeschehen einbaut.

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Das Geheimnis der Bäume

Bio-Doku auf dem neuesten Stand des Schulwissens: Animationen und Kamerakranfahrten erklären das Ökosystem Regenwald.

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Il était une forêt, Luc Jacquet, FR 2013
Kinostart: 02.01.2014, DVD/BD-Start: 22.05.2014
Story: Am liebsten sitzt Francis Hallé im Regenwald und zeichnet Bäume. Weil der Lebensraum immer rascher abgeholzt wird, nimmt der Botaniker eine Kahlschlagödnis zum Anlass, um dem 700 Jahre andauernden Wachstumsprozess von Pionieren über den Sekundärwald zum originalen Primärwald zu folgen.
Von Max Renn

Mit „Die Reise der Pinguine“ begeisterte der französische Zoologe Luc Jacquet 1,5 Millionen Kinogänger – Rekord für eine Tierdoku – und heimste 2006 den Oscar ein. Sein märchenhafter Naturkinderfilm „Der Fuchs und das Mädchen“ lief hingegen deutlich unter Wert. Ob seine dritte Doku an den Erstlingserfolg anknüpfen kann, steht bei der leicht kuriosen Mischung aus Animation, Didaktik und Schwärmerei durchaus in Frage.

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Inside Llewyn Davis

Die tragikomische Folk-Ballade der Coen-Brüder suhlt sich in stilvoller Depressivität und vollendeter Misanthropie.

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Joel Coen, Ethan Coen, USA/FR 2013
Kinostart: 05.12.2013, DVD/BD-Start: 10.04.2014
Story: Eine Woche im bitterkalten New Yorker Winter 1961. Vergeblich müht sich der junge Folkmusiker Llewyn Davis, nach dem Selbstmords seines Partners schwer depressiv, um Erfolg. Auf einer Reise nach Chicago ruiniert systematisch jede Möglichkeit dafür, weil er sein Talent nicht zu verkaufen weiß.
Von Thorsten Krüger

Schön, dass die Coens einmal keine blutige Moritat („True Grit“) oder Gangstergroteske („No Country For Old Men“) in die Welt setzen. Schade, dass sie sich trotz ungewöhnlichem Thema – die New Yorker Folkmusikszene 1961 kurz vor Bob Dylan – vornehmlich müde selbst zitieren. Wieder ein Pechvogel-Porträt, wieder eine sardonische Antipathie-eske über Misanthropen, wieder eine absurde Odyssee zu verqueren Sonderlingen.

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Liberace

Hinter der Kitschfassade: im schillernd-intimen Porträt einer Lustliebe liefern sich Matt Damon und Michael Douglas Szenen einer Ehe.

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Behind the Candelabra, Steven Soderbergh, USA 2013
Kinostart: 03.10.2013, DVD/BD-Start: 05.03.2014
Story: Mit zwanzig sieht der bisexuelle Tierpfleger Scott eine Show des Star-Entertainers Liberace, der ihn sogleich begehrt. Als heimlicher Lover des eine Generation älteren Exzentrikers zieht der Landjunge in seinen Palast in Las Vegas, wo der den Lustknaben nach seiner Façon formt, bis er ihm überdrüssig wird.
Von Sir Real

Steven Soderberghs Abschiedsgeschenk an das Kino fand keinen Studiofinanzier, weshalb das Biopic um Sex, Lügen und Prunksucht erst mit Geldern des TV-Senders HBO entstand. Richard Lagravanese („Freedom Writers“) adaptierte Scott Thorsons Buch über seine zehn gemeinsamen Jahre mit der Glitzershow-Legende Liberace, der 1987 an Aids starb: Als Liebes- Ehe- und Scheidungsdrama über Schönheitswahn und Exzentrik.

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Hai-Alarm am Müggelsee

Virtuos choreographierte, schräge Anarcho-Komödie mit Sinn für dadaistischen Humor im Geiste Boje/Bucks und Helge Schneiders.

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Leander Haußmann, Sven Regener, D 2013
DVD/BD-Start: bereits erschienen
Story: Ein Hai hat dem Bademeister am idyllischen Müggelsee den Arm abgerissen. Woraufhin der Bürgermeister des verschlafenen Friedrichshagen am östlich Stadtrand Berlins mit Wahlkampf- und Marketing-Experten den lukrativen Hai-Alarm auslöst. Haijäger Snake soll dem Untier nachstellen, hat aber Frauenärger.
Von Thorsten Krüger

In der hohen Kunst des Humors übt sich das Kreativ-Duo Leander Haußmann und Sven Regener („Herr Lehmann“), wenn sie „Der weiße Hai“ als virtuose Anarcho-Komödie mit Sinn für Dadaismus und Anleihen bei Detlev Buck, Aki Kaurismäki, Herbert Achternbusch plus vor allem Helge Schneider neu auflegen. Selbst geschriebene, schrullige A-Capella-Songs begleiten die Provinz-Ballade im Alternativ-Low-Budget-Look.

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Der Mohnblumenberg

Belustigend und rührend: Nostalgisch-melancholische Jugendromanze aus Hayao Miyazakis Animationsschmiede.

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Kokuriko-zaka kara, aka From Up on Poppy Hill, Goro Miyazaki, J 2011
Kinostart: 21.11.2013, DVD/BD-Start: 30.04.2014
Story: Vor ihrem Herrenhaus auf dem Hügel über dem Yokohamer Hafenviertel hisst die 17-jährige Umi jeden Morgen Signalflaggen für ihren im Koreakrieg gestorbenen Seemannsvater. Als sie sich in Mitschüler Shun verliebt, der ein Clubhaus renoviert, droht ein Familiengeheimnis die Romanze zu ruinieren.
Von Caroline Lin

Vom Vater geschrieben, vom Sohn inszeniert: Altmeister Miyazaki adaptierte eine Mädchen-Manga-Reihe aus den 80ern, sein Sohn Goro setzte auf altmodische Art einen nostalgisch-sittsamen Boy-meets-Girl-Heimatfilm um, der 2011 zum größten heimischen Kinoerfolg avancierte. So konservativ-konventionell der Junior auch in Japans Vergangenheit taucht, so sanft sentimental und unbedingt berührend ergründet er ein Familiengeheimnis.

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Sein letztes Rennen

Aufruhr im Altersheim: Ergreifende Tragikomödie mit Dieter Hallervorden als Olympia-Rentner mit Comeback-Träumen.

Sein letztes Rennen Cover

Kilian Riedhof, D 2013
Kinostart: 10.10.2013, DVD/BD-Start: 26.03.2014
Story: Läufer-Legende Paul zieht wegen seiner gebrechlichen Frau ins Altersheim. Bevor er sich dort totbastelt, will es der über 70 Jahre alte Olympiasieger noch einmal wissen und trainiert für den nächsten Berlin Marathon. Als seine Frau verstirbt, verbieten ihm Heimleitung und Tochter das Ansinnen rigoros.
Von Gnaghi

Klamaukkönig, Kabarettist, Charakterdarsteller: Dieter Hallervorden, schon früh auch als fähiger Mime aufgefallen („Das Millionenspiel“), gibt im vorgerückten Alter ein phänomenales Kino-Comeback als Jungbrunnen, der ein Altenstift aufmischt. Mit weißem Vollbart, Körperfülle und ausdrucksstarkem Gesicht trägt er den heiter-nachdenklichen Film von TV-Regisseur Kilian Riedhof („Homevideo“) auch dann emotional, wenn der Story zwischenzeitlich die Puste ausgeht.

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Don Jon

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Joseph Gordon-Levitt, USA 2013
Kinostart: 14.11.2013, DVD/BD-Start: 17.03.2014

Das Regiedebüt des Karriereschauspielers Joseph Gordon-Levitt („Inception“) ist „Shame“ als Hochglanz-Farce, deren Satire auf ordinäre Macho-Attitüden und sexuelle Fehlentwicklungen nicht ganz trennscharf von ihrer Werbeclip-Verherrlichung bleibt und die zudem eine irritierend konservative Moraldidaktik aufweist. Fabelhaft gibt Gordon-Levitt den schmierigen Aufreißer im Muscle-Shirt, der als Porno-Junkie Sex statt Beziehungen sucht und selbst bei Vollblutweib Scarlett Johansson findet, dass das echte Leben nicht an seine Masturbations-Highlights heranreicht.

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