Sinister

Snuff im Kabuff: frenetischer Horror-Schocker mit Einflüssen von „Ring“ und „The Shining“ um einen Serienkillerdämon.

Sinister Cover

Scott Derrickson, USA 2012
auf DVD erhältlich
Story: Um seinen Einmal-Erfolg zu wiederholen, zieht der klamme True-Crime-Autor Ellison samt seiner ahnungslosen Familie in ein Anwesen, wo ihre Vorgänger brutal im Garten erhängt wurden. Kaum hat er auf dem Dachboden eine Kiste Super-8-Filme mit den Morden entdeckt, beginnt ein finsterer Spuk.
Von Thorsten Krüger

„Ring“ dürfte eine ganze Generation als ihr zentrales Angsterlebnis im Kino definieren. Reifere Semester nennen „The Shining“ an dieser Stelle. Wieso also nicht beide Klassiker zu einem satten Mainstream-Schocker kombinieren, dachte sich Scott Derrickson („The Exorcism of Emily Rose“) und dreht so frenetisch auf, als wolle er den Schrecken seiner Vorbilder im Akkord toppen.

Womit er mehr die hartgesottene Fan-Gemeinde adressiert als den zerstreuungssüchtigen Popcorn-Proll. Der Spiegel schreibt dazu in unnachahmlicher Art: „Zweitliga-Horror, der seine mäßige Spannung vor allem aus dem irrationalen Verhalten seines unsympathischen Helden bezieht.“ Ein untrügliches Indiz für einen klasse Film.

Haunted-House-Horror, wie ihn „Insidious“ jüngst wiederbelebt hat

Und so ist es: „Sinister“ verbreitet ordentlich Angst, mehr als alle sonst diese Saison. Außerdem klaut er nicht nur gut, sondern erfindet auch smart dazu, verpackt es wie neu und ordnet alles einer fokussierten, linearen Spannungsdramaturgie unter, die es in sich hat. Das Spiel mit den Versatzstücken beherrscht Derrickson virtuos und spickt seine Atmosphäre andauernder Bedrohung mit fulminanten Schock-Stakkatos.

Klar, dass ihm das Sträuben der Nackenhaare vor nüchterner Logik geht. Aber mit richtig Herzblut so hingebungsvoll Intensiv-Schauer zu erschaffen, hat mich begeistert. Zumal das Ergebnis nicht nur oberflächlich, sondern nachhaltig verstörend wirkt. Derrickson und sein Co-Autor, der AICN-Reporter C. Robert Cargill, folgen der Traditionslinie des durchdachten Haunted-House-Horrors, wie ihn „Insidious“ jüngst wiederbelebt hat.

Familienmassaker, die bis in die 60er Jahre zurückreichen

Eine stumme Super-8-Rolle, auf der eine ganze Familie mittels eines Flaschenzugs von einem unbekannten Täter im Garten erhängt wird, gibt mit räudiger Materialästhetik von Beginn an die fiese Atmosphäre vor. True-Crime-Autor Ellison Oswalt (glaubhaft: Ethan Hawke trägt den Film als zwiespältige Figur) versucht verzweifelt, an seinen einzigen, bereits zehn Jahre zurückliegenden Erfolg anzuknüpfen.

Er zieht in das Haus der kürzlich Ermordeten, ohne seine Frau und die beiden Kinder darüber aufzuklären, schließt sich in sein Arbeitszimmer ein und recherchiert. Ehrgeiz und Erfolgsdruck – seine entnervte Familie hat ihm eine letzte Chance eingeräumt – lassen ihn alle Vorsicht vergessen. Auf dem Dachboden wartet eine Kiste Schmalspurfilme von Familienmassakern, die bis in die 60er Jahre zurückreichen. Mysteriöse Verbrechen, die nie aufgeklärt wurden, trägt ihm ein ergebener Deputy (comic relief mit Hirn: James Ransone) zu.

Studie eines ruhmsüchtigen Voyeurs im freien mentalen Fall

Um dem verborgenen Urheber der Snuff-Movie-Sammlung auf die Spur zu kommen, vergrößert Ellison am Computer eine Spiegelung – der Blow-Up-Effekt ergibt eine diabolische Fratze. Damit schleicht sich in die unheimliche Ritualmordserie zuerst ein dicker Schub Psycho-Horror und zugleich sorgsam eingearbeitetes Übernatürliches ein.

Ist Ellison zunächst noch angeekelt (er betrachtet die Morde in „8mm“-Manier so herrlich entsetzt wie Nicolas Cage), fasziniert ihn das Material bald, bis er davon besessen ist – ein wunderbares Sinnbild auf unsere Lust auf Angst. Dass man die Gräuel kaum sieht, macht sie um so bedrohlicher und ist eine klare Abkehr von der aktuellen Folter-Front. Fortan setzt sich die Fratze in seiner Fantasie fest und verfolgt ihn in paranoiden, sehr realen Wahnvorstellungen. Damit entwirft Derrickson en passant die Studie eines ruhmsüchtigen Voyeurs im freien mentalen Fall.

Dämon, der Kinderseelen frisst

Ein via Skype kontaktierter Kriminologe (Vincent D’Onofrio) findet Hinweise, die einen abschüssigen Pfad ins Okkulte einschlagen. Die Fratze gehört einem bereits zu babylonischen Zeiten gefürchteten Dämon, der Kinderseelen frisst, ganz wie in Ole Bornedals „Possession“. Der Unterschied: Bornedal hält sich für originell, „Sinister“ ist es.

Und hat gute Schauspieler, die sich überraschend bodenständig verhalten und auch in Nebenrollen schlauer agieren als die üblichen Pappnasen. Ganz abgesehen von einem fesselnden, detailliert ausgestalteten Plot, der für halbwegs erfahrene Zuschauer zwar vorhersehbar bleibt, aber seine vielen kleinen Ideen fulminant auskostet und fast schon höllischen Schrecken verbreitet. Weit jenseits dessen, was durchschnittliche Gruselkost kann.

Soundtrack als bester Spezialeffekt

Von Leerlauf hält Derrickson wenig – er kommt flott zur Sache, errichtet eine bedrohlich-nokturne Stimmung, konzentriert, ausgereift und furchteinflößend. Von Beginn an häufen sich unheimliche Geräusche und man merkt durchaus, dass eine der Produktionsfirmen die „Paranormal Activty“-Reihe verantwortet (Spukhaus sowie Found Footage als zentrale Motive).

Nur ist die Fülle an durchweg kreativen Spannungspassagen und auch mal billiger, meist aber perfekt-perfider Schauerattacken mit einem sagenhaften Soundtrack unterlegt, der glatt als bester Spezialeffekt gelten kann (und nur im Kino seine volle Wirkung entfaltet). „Hellraiser“-Komponist Christopher Young hat das Orchester im Schrank gelassen und setzt ganz avantgardistisch auf elektronische Störgeräusche.

Beweist in Auseinandersetzungen Sinn fürs Drama

Wie viel davon Young zuzurechnen sind, ist unklar, denn eine ganze Menge von experimentellen Ambient- und Noise-Bands wie Aghast, Accurst oder Boards of Canada steuern uncredited den Post-Industrial-Soundtrack bei. So innovativ-wirkungsvoll kann Horror intoniert sein. Vielleicht deshalb erlaubt sich die dicht massierte Abfolge an Nervenkitzel schräge Auflockerungen, was sich im schrulligen Sidekick (dem namenlosen Fan-Cop) und bisweilen grandiosen Dialogen niederschlägt, die als Reality Check fungieren, wenn Ellison nach Jack-Torrance-Art abzudrehen droht.

Dann folgt eine – fürs Genre – geradezu sensationelle Gardinenpredigt seiner Gattin (sehr sympathisch: Juliet Rylance), die, anders als zumeist, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt und nicht die Flucht ergreift. Diese Familie hält zusammen, anstatt an ihren Sollbruchstellen zu bersten. Gerade in Auseinandersetzungen beweist Derrickson Sinn fürs Drama.

Mit Verve und Hingabe an die Kraft des Grauens

Dass die ausgetüftelte Story dem beliebten Fatalismus folgt, einen großen Plan anzulegen, der sich auf teuflische Art desto mehr erfüllt, je verzweifelter der Protagonist ihn vereiteln will, kann man für mangelnde Logik halten. Die Sorge um die Kinder, von Anfang an vom Bösen beeinflusst, der Sohn durch eine bizarre Schlafwandelsucht, die Tochter durch die üblichen Kinderzeichnungen, kommt gewiss zu spät. Aber welcher Familienvater würde ernsthaft glauben, dass ein archaischer Dämon seine Kids im Würgegriff hält?

Klar bedient Derrickson diverse Klischees, macht das aber mit Verve und einer Hingabe an die Kraft des Grauens, wie man es selten erlebt. Er reizt sein Szenario bis zuletzt aus, überreizt den Was-bin-ich-für-ein-böser-Mind-Fuck folglich im kaum sonderlich überraschenden Finale, womit er zugunsten seiner betont finsteren Konstruktion Thrill verschenkt, aber seinem Titel voll und ganz gerecht wird.

Ironiefreie Leistungsschau des Horrors 2012

Die an moderne Sehgewohnheiten angelehnte, im Kern aber klassische und ironiefreie Leistungsschau des Horrors anno 2012 hat sagenhaft Präsenz. „A well-oiled fright machine“, schreibt Fangoria. Wenn der ratternde Filmprojektor ein Eigenleben beginnt und die diabolischen Amateurfilme wieder und wieder abspielt, der Todesfilm sich selbst auf Ellisons Computer kopiert, erwacht eine Entität, die unheilvoll zur Schandtat schreitet.

Wie ehedem in „Videodrome“ steht der Projektor in Ellisons Kopf – dort entsteht der Horror, genau wie beim Zuschauer und, wenn er gut ist, verfolgt er einen bis in Alpträume hinein und verändert die Wahrnehmung der Realität, bis dieser Dämon seine Opfer direkt in die Bilder mitnimmt, die er sie hat erschaffen lassen. Metaphernreicher lässt sich die Wirkung von Horrorkino kaum beschreiben. Man ist verdammt ihnen zuzusehen, immerfort.

4 Gedanken zu „Sinister“

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