Kinostart: 05.12.2013, DVD/BD-Start: 04.04.2014
Brian De Palmas Erstadaption von 1976 ist mir als einzige große Peinlichkeit in Erinnerung. Und ich habe mir ihn gestern nochmal angeschaut. Voyeuristische Weichzeichner-Regie, Dekor aus 70ies-Modesünden, unterkomplexe Story und Figuren. Ein Film, der trotz ausnehmend guter Darsteller schlecht gealtert ist – wie viel besser ist da bloß das Remake. (und hey, wie oft kann man das schon sagen?)
Erstaunlich sensibel findet „Boys Don’t Cry“-Regisseurin Kimberly Peirce aus femininer Perspektive in ein Bully-Drama, das den Horror Highschool als überaus realistisches, nachvollziehbares und plausibles Schulpsychodrama aus der Perspektive eines vollverstörten Mauerblümchens schildert. Dessen telekinetische Kräfte kanalisieren die bei einem Prom-Night-Prank der übelsten Sorte angestauten Emotionen zu einer Blutrache.
Stephen Kings Debüterfolg hat Pierce ohne Reibungsverluste der heutigen Zeit angepasst. Sie potenziert die Negativerfahrung ihrer bemitleidenswerten Protagonistin und malt das Grauen religiöser Erziehung in schockierenden Schattierungen aus. Ihre Mutter, eine alleinstehende, sexfeindliche christliche Fanatikerin und Hobby-Büßer-Masochistin (verstörend: Julianne Moore) gebiert des Satans jüngste Tochter.
Fortan misshandelt sie ihr Kind mit seelischen Grausamkeiten, bis eine verschüchterte Hysterikerin (verletzlich schön: Chloë Grace Moretz) geformt ist, die unaufgeklärt einer übersexualisierten Jugend gegenübersteht, deren sexy Lifestyle-Look Pierce übernimmt. Die Mutter verursacht, übles Facebook-Mobbing multipliziert eine Psychose, die in Gewalt explodiert. Diese Kräfte leiten aber auch ein emanzipatorisches Coming of Age ein.
Führt der Horror weiblicher Pubertät andernorts zu schillernden Faulfrüchten wie „Excision“, sind Carries Fähigkeiten eine kaum verhüllte Parabel auf weibliche Sexualität. Ihre Hexenkräfte erforscht sie wie das erste Mal, reift dabei zur unabhängigen Frau, die für ihren Mut schrecklich bestraft wird. Dieser Wicca-Aspekt, der Übernatürliches als Manifestation göttlicher oder auch teuflischer Kräfte beschreibt, bleibt positiv ambivalent.
Das Gebräu von Bullying, mangelndem Unrechtsbewusstsein, vereinzelt schlechtem Gewissen und Solidarität führt in unglücklicher Kombination in die Katastrophe. Als Schweineblut-Braut auf dem Schulabschlussball, wo der Traum von sozialer Zugehörigkeit hässlich platzt, brechen Carries von drakonischer Erziehung unterdrückte Triebe unkontrolliert aus – ein Effekt-Ende von geradewegs altbiblischem Rachefuror folgt.
Selbst wer das nie erlebt hat, teilt zuvor mit ihr die unangenehme Erfahrung, das Gespött der Schule zu sein, weshalb der Amoklauf gerechtfertigt ist und Carrie Zuschauer-Sympathien behält. Zumal ihr blanker Hass entgegenschlägt, auf den sie schließlich ebenso blind antwortet. Das ausgerechnet die Mahnungen der Erzeugerin, die schließlich ihr eigenes Kind ermorden will, wahr werden, ist schon eine bittere Pointe.
Wie aber heftige (soziale, religiöse) Angst beider Verhalten begründet und im Verbund mit lustfeindlichem Glaube ein Desaster auslöst, wird, wie alle psychologischen Aspekte, hervorragend herausgearbeitet. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert – buchstäblich. Eine eindringliche Warnung vor dem Dachschaden, den verbohrte Fundamentalisten auslösen und ein Abgesang auf das Auge-um-Auge-Prinzip.