Djeca – Die Kinder von Sarajewo

Arthaus-Sozialdrama, das freudlos von der Gegenwart des Bosnienkrieges im heutigen Sarajewo kündet.

Djeca Cover

Djeca, Aida Begic, BIH/D/FR 2012
Kinostart: 07.11.2013, DVD/BD-Start: 22.08.2014
Story: Die 23-jährige Rahima sorgt für ihren 14-jährigen Bruder Nedim. Beide sind Kriegswaisen und müssen in Sarajewo ums tägliche Überleben am unteren sozialen Rand ringen. Ein elender Kampf gegen das Mobbing der alten tonangebenden Eliten, mit denen sich der wütende Nedim anlegt und Ärger provoziert.
Von Gnaghi

Unsichtbare Kriegsschäden prägen den Frieden in einer ungemütlichen Bestandsaufnahme zweier traumatisierter Waisen, die in einer Gesellschaft voll versteckter Gewalt und Aggression als Menschen zweiter Klasse andauernd um ihr Überleben kämpfen müssen. Aida Begic erzählt nach „Snow“ erneut aus weiblicher Sicht vom Schatten des Bosnienkrieges, diesmal nicht poetisch, sondern ungeschminkt, bedrückend, hart.

Ihr über die Weihnachtsfeiertage spielendes Drama ist zu kleinspurig und unspektakulär, aber eindringlich. Im Stile der Dardennes („L’enfant“) folgt die Kamera unentwegt dem Alltag von Rahima, der Marija Pikić beeindruckend Gestalt verleiht – sie verrät keine Gedanken, legt aber beredt Zeugnis von der Dauerpräsenz ihrer traumatischen Vergangenheit ab. Schließt sie die Augen, künden Videoaufnahmen vom Grauen des Krieges.

Silvesterböller klingen wie Gewehrsalven

Ganz gespenstisch äußert sich das in der Soundkulisse: Straßengeräusche und Silvesterböller rufen dauernd böse Erinnerungen wach und klingen wie Gewehrsalven und Granateinschläge. Eine unheilvolle subjektive Wahrnehmung, der diese zierlich-energische Frau, die ihr Muslima-Kopftuch wie ein Schutzschild trägt, durch Dauerarbeit zu entfliehen versucht. Sie definiert sich über das Funktionieren. Als Person existiert sie nicht (mehr).

Der Krieg hat in ihrem Kopf nie aufgehört. Sie ist ein stilles Opfer, dessen Erlebnisse Begic nie lüftet. Damit wahrt sie die Würde einer Versehrten, die gegen alle Widerstände – einschließlich ihrem sie sabotierenden, stupiden Bruder – stets antritt, die aber auch nicht richtig ins Leben zurückfindet. Vor allem, weil die korrupten und von Vorurteilen geprägten Verhältnisse es nicht erlauben. Eine ungeschminkte, aber nicht gerade neue Erkenntnis.

Nachkriegsgesellschaft, in der Unrecht fortbesteht

Anders als der bestürzende, humanistische „Esmas Geheimnis – Grbavica“ weigert sich Begic, eine Geschichte zu erzählen und begnügt sich, die Situation zunehmend beklemmender zu schildern, doch auch hoffnungsvoll. Ihr gelingt damit mehr eine trübselige Zustandsbeschreibung einer in hässliche Farben getauchten Nachkriegsgesellschaft, in der Unrecht fortbesteht und psychische Verletzungen ein Zusammenwachsen verhindern.

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