I Used to be Darker

Folksongs und Trennungsblues: kleine, aber feine Independent-Ballade, die musikalisch einfühlsam Distanz überwindet.

I Used to be Darker Cover

Matthew Porterfield, USA 2013
Kinostart: 09.01.2014, DVD/BD-Start: 13.02.2015
Story: Nordirin Taryn ist von daheim ausgerissen und ungewollt schwanger. Sie nistet sich ausgerechnet bei Tante Kim und Onkel Bill in Baltimore ein, die sich gerade trennen und von den Problemen der just volljährigen Nichte nichts ahnen. Und Tochter Abby kommt dem Gefühlschaos auch nicht gerade bei.
Von Thorsten Krüger

Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss: Was andernorts in eine saftige Soap Opera über dysfunktionale Familien ausgeartet wäre, bleibt bei Matthew Porterfield („Putty Hill“) durch seinen fast vollständigen Verzicht auf narrative Konventionen, Plotpoints und Dramatisierungen eine kleine Indie-Studie über ein Every-Day-Life im Gefühlschaos. Unforciertes Kino der Distanz, die bald teilnahmsvoll schrumpft.

Ein im milchigen Bleich gefilmter, beschissener Sommer nimmt seinen Lauf, den Porterfield mit äußerster Lakonie entfaltet: Er erklärt nie etwas, die oft in einiger Entfernung installierte Kamera beobachtet lange die Familienmitglieder beim wortlosen Dasein oder mitunter unhörbaren Gesprächen. Alles ist im Nachhall größerer Donnerwetter angesiedelt, ein feinfühliges Stimmungsbarometer, das sich spät entwickelt und doch ankommt.

Ein ganz stiller Film über Ausnahmezustände

Jeder vermisst irgend jemand, man hat wenig miteinander zu tun, sich überworfen. Ganz schön viel liegt im Argen, was sich als – wirksame – Flüsterpost mitteilt. Ein ganz stiller Film über Ausnahmezustände und ein langsames sich Herantasten an neue Verhältnisse. Zentral davon betroffen ist das Tramp-Girlie Taryn (zart, blass, verloren: Deragh Campbell), die zu kopflosen Entscheidungen, sprich: Dummheiten, neigt.

Weder der stinkigen Cousine Abby, noch ihren mit Schmerz und Einsamkeit konfrontierten Eltern geht es besser. Ihre Gefühlslagen offenbaren eine ganze Reihe selbst gespielter und gesungener Folksongs, deren Texte die durchwachsene Lage reflektieren. Man kann darin versinken, auch wenn die vielfältige und nur on screen gespielte Musik zeitweise wie eine Genre-Tour durch die Hipster-Auslese eines Spex-Redakteurs anmutet.

Nur scheinbar unspektakuläre Durchmessung von Zerwürfnissen

„Make yourself a home“, klingt schon etwas ironisch, ist aber sowohl Aufforderung als auch Versuch, eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, zu meistern. Taryn mag extrem schlechtes Timing bewiesen haben, weiß aber schlicht nicht wohin. Wie die vier Protagonisten innerlich wieder zur Ruhe kommen, zeigt der äußerlich so dermaßen unbewegte Film, das es seine Art hat, ganz ohne Wertungen, Schuldzuweisungen, Aufregung.

„Es ist schon schwer, wenn die Person, für die du sterben würdest, nicht mehr mit dir redet“: Darin offenbart sich die unbedingte Lebensnähe und Relevanz einer nur scheinbar unspektakulären Durchmessung von Zerwürfnissen und schwieriger zwischenmenschlicher Klimaverhältnisse. Es mag betont störrisch publikums-ungefällig und so beiläufig-versteckt inszeniert sein, als ginge es um nichts. Dabei geht es um gehörig viel.

http://www.youtube.com/watch?v=4EZEGzsqLm0

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