Erscheinungstermin: 13.12.2013
Eine mächtige und skrupellose Geheimorganisation, die das Überbevölkerungsproblem lösen will, gab es jüngst in Dan Browns „Inferno“. Diesem eifert der für seine überkonstruierten Psychothriller berühmte Berliner Bestsellerautor Sebastian Fitzek („Der Seelenbrecher“) nach. Fiel sein letztes Buch, „Der Nachtwandler“, arg dünn aus, gelingt ihm nun der große Wurf, ein flotter, gewandt formulierter Pageturner von internationalem Niveau.
Ohne Amnesie kein Fitzek: Ausgehend vom klassischen Topos des dislocated subject baut er in gut geführten Handlungssträngen Spannung auf und bietet mit vielen Cliffhangern einen (Action)Thriller nach allen gängigen Unterhaltungsroutinen. Sein psychologisch orientiertes Fallbeispiel hat einen Touch von Jean-Christophe Grangés „Der Ursprung des Bösen“, entwickelt sich aber rasch zum Konspirationsthriller nach gängigem Muster.
Der liebäugelt zwar mit Bilderbergern und Chemtrails, dem letzten Schrei bei Verschwörungstheoretikern, favorisiert aber ein plausibles Szenario einer bereits grassierenden Epidemie, der viele Todesopfer fordernden Manila-Grippe. Ein großer Vernichtungsplan, „Projekt Noah“, nimmt seinen Lauf und muss verhindert werden. Die daraus entstehende Diskussion ist theoretisch wohl unterfüttert, von Jean Ziegler bis zum Club of Rome.
Fitzek schreibt weitgehend packend, auch wenn einen das Schicksal der Figuren partout nicht nahe gehen will. Außerdem war Dan Brown provokanter: Denn so drastisch die Anklage gegen unser Weltwirtschaftssystem, unsere Mittäterschaft am Elend der Welt durch Unterlassen auch ausfällt – im Absicherungs-Nachwort rudert Fitzek zurück, als scheue er die Konsequenzen, ganz ähnlich wie Andreas Eschbach mit „Todesengel“.
Eigentlich schade, denn das unauflösbare Grunddilemma, die Zwickmühle unseres parasitären, ruinösen Verhaltens als Menschheit hat systemische Ursachen und braucht keine brave Schlussmoral. Dass es unter den heutigen Voraussetzungen keine Lösung gibt für die Tendenz, unsere Überlebensgrundlage zu zerstören und immer mehr Leid zu erzeugen, ist eigentlich ein verheerender Befund, den man ruhig so stehen lassen kann.