Kinostart: 10.04.2014, DVD/BD-Start: 13.10.2014
Das gibt es noch – Kino als unbedingt nahegehende Reise zu eigenen und fremden Grenzen, als pures, authentisches Erlebnis jenseits genormter Hollywood-Adventures. Die Zivilisationsflucht ins wilde Outback nach dem Weltbestseller von Robyn Davidson ist weit mehr als ein Travelogue, es ist eine Odyssee in die eigene Biografie, zur Traumzeit, von sphärischen Klängen zur bittersüßen, berückenden Meditation erhoben.
Gut Ding will Weile haben: 1977 wanderte die damals 27-jährige allein mit ihrem treuen Hund Diggity und vier Kamelen 2700 Kilometer auf eigene Faust durch die ausgedörrte Wildnis bis zur Westküste, wenige Monate später begeisterte die Fotoreportage von Rick Smolan in der National Geographic die Leser weltweit, 1980 verkaufte sich Davidsons Reisetagebuch global, wurde Faszinosum, in der Heimat Kulturgut und Schullektüre.
Nach mehr als 30 Jahren Adaptionsversuchen sind vom inneren Monolog des Buchs nur gelegentliche Voice Over übrig geblieben. Der für seine starken femininen Figuren bekannte John Curran („Wir leben nicht mehr hier“) schafft ein beeindruckendes Porträt einer stillen, unabhängigen wie willensstarken Frau, vom australischen Instant-Star Mia Wasikowska („Alice im Wunderland“) lebensnah, robust und verletzlich gespielt.
Bis ihr Abenteuer beginnt, ringt sie mit permanenten Verzögerungen und damit, Hilfe anzunehmen und Kompromisse einzugehen, obwohl sie am liebsten ohne Technik, Unterstützung – vor allem aber: Menschen – losziehen würde. Die 70er Jahre sehen echt aus: das frugale Leben im Dorf, dessen raues Klima Curran mit herber Poesie zärtlich beschreibt, Robyns Arbeit als Kamelzüchterin mit den gurgelnd-knurrenden Wildtieren.
Ihr Drang nach Einsamkeit dürfte auch Rousseauisten gefallen, denn sie muss ihn gegen aufdringliche Touristenhorden durchsetzen, die sie als „Kamel-Lady“ mit der Kamera jagen, ebenso wie Schmeißfliege Rick, mit dem sie erst spät Freundschaft schließt. Wenn die Magie des Alleinseins schließlich wirkt, man die besinnliche Einkehr spürt, rückt die Zivilisation als idiotische, kommerzielle, lärmend laute Störung in die Kritik.
Das ist subtil und zugleich deutlich, spätestens, wenn ihr über alles (und mehr als jeder Mensch) geliebter Hund an einer Giftdose Strychnin qualvoll verendet, ist die hässliche Kultur der Kolonialisten, die nur lauter Übel mitbrachten, eine waschechte Gefahr – die sich zu Belastungsmomenten wie Durstdelirium, Orientierungsverlust, angreifenden Kamelbullen und anderer Härten der Natur hinzugesellt, welche sie hingegen meistert.
Anders als Nicolas Roegs „Walkabout“, mit dessen Nüchternheit ich nie warm wurde, gerät „Spuren“ zu einer nie sentimentalen, aber stets hochemotionalen Erinnerungsreise zwischen Traum und Alptraum, zu tief persönlichen Kindheitserlebnissen und surrealen Begegnungen in fast menschenleerer Wüstenweite, „Mad Max“-artigen Siedlungsresten und herzlichen Menschenaußenposten. Hier ist man Familie.
Es wird zwar nicht wie in „Long Walk Home“ die rassistische Politik der Regierung angeklagt, aber sehrwohl die abstoßende Respektlosigkeit des weißen Manns in all ihren Spielarten. Auch deshalb wählt Curran eine Hommage an die Aborigines, ihre Weisheit und Lebensart. Sie nehmen Robyn als eine der ihren auf, geleiten sie bei ihren Marsch, der einer Weihe, einem seelisch-körperlichen Selbstfindungsprozess gleicht.
Die perfekt ausgesuchte Musik transportiert die wunderbaren wie schrecklichen Gefühle, bis man leise erschüttert den gleichen tief bewegten Bewusstseinszustand erreicht wie die Protagonistin. Eine epische Wahnsinnstour, ungefiltert und ungeschönt naturnah (also fern von Postkarten- und anderen Abenteuerklischees), durch ihre zartbittere Art so intensiv, wie geschaffen für die optischen und emotionalen Stärken des Kinos.
Ein Gedanke zu „Spuren“